Den großen Berlin-Roman, der zu der Zeit spielt, als die Stadt noch von der frischen Narbe der Wiedervereinigung durchzogen war, hat ein niederländischer Autor verfasst. Cees Nootebooms (1933 - 2026) "Allerseelen", benannt nach dem katholischen Gedenktag der Toten, wurde in der deutschen Übersetzung von Helga van Beuningen erstmals 1999 veröffentlicht und war hierzulande sogleich ein Bestseller. Der Protagonist Arthur, 44 Jahre alt, 1,81 m groß und von seiner Freundin, der russischen (Königin) Zenobia, liebevoll "Däumling" genannt, ist ein Flaneur, der mit seiner Kamera aus Augenblicken Erinnerungen schafft. Er wollte eigentlich einen Film über Walter Benjamin drehen, "Sohlen der Erinnerung" sollte er heißen, doch das Projekt wurde abgeschmettert. So "lebt er denn sein Leben in Fragmenten" und schlittert zu Beginn der Geschichte auf eis- und schneebedeckten Straßen entlang, mit der Kamera im Anschlag und der Trauer am Revers (denn Frau und Sohn sind nicht mehr). "In manchen Träumen geschieht es, dass man sehr laut schreien muss und es nicht kann, ein Geräusch aus Glas. Er hat das Haus verkauft, die Kleider und das Spielzeug weggegeben, als sei alles verseucht. Seit dieser Zeit ist er ein Reisender ohne Gepäck - mit Laptop, Kamera, Handy, Weltempfänger, ein paar Büchern. ..., ein Universum in Bewegung. New York, Madrid, Berlin, überall, denkt er jetzt, eine Nische. Er ist noch nicht fertig mit diesem Wort, nicht mit dem kleinen, und mit dem großen, an dem es hängt und zu dem es gehört und nicht gehört, schon gar nicht. "Was willst du bloß in Deutschland?" fragten niederländische Freunde ihn regelmäßig. Meist klang das dann, als habe er sich eine schwere Krankheit zugezogen. Er hatte sich eine stereotypische Antwort zurecht gelegt, die in der Regel ihre Wirkung tat. "Ich bin gern da, es ist ein ernsthaftes Volk." - Zitat, Seiten 10,11 Nicht nur die Handlungsschauplätze seines Romans weiß der Autor akkurat zu schildern, er flicht auch andere Medien und Kunstformen in seine Geschichte ein. So spielt die bildende Kunst eine große Rolle und wir betrachten ganz konkret ein Gemälde einer Mätresse im Schloss Charlottenburg oder sinnieren über den unironischen Blick von Caspar David Friedrich. Wir betrachten Frauen aus dem Blickwinkel eines möglichen Gemälde von Vermeer und lauschen den Ausführungen des (fiktiven) Bildhauers Viktor. Auch Musik wird gespielt in diesem Roman und sogar Klänge aus dem asiatischen Raum erfüllen das innere Ohr. Bei all diesen visuellen Effekten und den vielen Dialogen im Roman würde man wohl zunächst nicht vermuten, dass es eigentlich um das bereits Abwesende, sogar um eine "gewaltige Aphasie" geht: um die Sprachlosigkeit angesichts "des in sich selbst verschließenden, mit einem Früher und Später nicht in Berührung kommenden Lebens" (Roberto Calosso, Der Untergang von Kasch). Indes - der Roman ist eine Reise wert. Wer ist dazu bereit? FAZIT Ein wenig habe ich das Gefühl, als würde mich Walter Benjamin in letzter Zeit literarisch verfolgen. Doch er darf gerne mein Schatten sein, so lange seine Fragmente zwischen Buchdeckeln verweilen. Die Kritik an diesem Roman lag, soweit ich das korrekt überflogen habe, in der Figurenzeichnung begründet, die als zu flach gar schablonenhaft beschrieben wurde. Dies ist nicht von der Hand zu weisen und auch die Liebesgeschichte funktioniert aus meiner Sicht überhaupt nicht. Aber Allerseelen ist unbestritten ein großer und anspruchsvoller Roman, wie die Klappe verspricht. Die Szenen sind komplex und ausdrucksstark aufgebaut, die Gedankenspiele im Roman sind faszinierend und der nahbare Schreibstil von Cees Nooteboom bindet den Lesenden an den Text. Am Ende entschwinden die Geister - und diese Stille ist gut. Eine Leseempfehlung.
„Wie viel Vergangenheit kann man eigentlich in sich verkraften?“ Ein schwermütig, melancholischer Pilger auf Wanderschaft. Wer weist Arthur den Weg? Ironie, Komik Fehlanzeige. Freunde. Gemeinschaftliche Szenen. Sie halten ihn, sorgen dafür, dass er sich nicht auflöst, als Pilger wandern kann und bieten ihm ein zu Hause an. Arthur bekommt von Nooteboom seine Nische, in die er sich jederzeit zurückziehen darf, nachdenken, verschwinden, sich langsam öffnen, zurück ins Leben tasten. Die Szenerie ist fragil. Die Stimmung ist fragil. Arthur ist fragil. Nooteboom bespielt die Abwesenheit, den Abschied, die Schatten und unsichtbaren Signaturen. Und dann ist da noch Elik: Er wußte, daß, was immer geschehen würde, es nicht straflos sein würde, daß diese Frau einen Entschluß gefaßt hatte, daß sie ihn nicht mied, nicht mehr vor ihm auswich, daß sie ihm nicht widerfuhr, daß dies eine Gefahrenzone war, in der er sich bewegen mußte, als sei er kaum da, in der er wissen mußte, daß er hier Zutritt erhalten hatte, daß er anwesend war, damit sie abwesend sein konnte, daß hier nach einer so absoluten Form des Vergessens gesucht wurde, daß er sich erst dann von ihr mitreißen lassen durfte, wenn diese Abwesenheit erreicht war, wenn die Körper in diesem Zimmer ihre Personen vergessen hatten, bis ein Mann viel später den Kopf von der Schulter einer Frau heben und diesen anderen Kopf unter sich betrachten und Tränen in einem abgewandten Gesicht sehen würde, wenig Tränen, eine Narbe, die glänzt, einen Körper, der sich zusammenrollt, als wolle er jetzt für allezeit schlafen, und der nicht mehr dasein wird, wenn er aufwacht, wenn das graue Berliner Licht durch die vorhanglosen Fenster hereinschleicht, er die Stille, die Bücher, den fahlen, kerkerartigen Raum wahrnimmt. Eine Frau mit ebenfalls zu viel Vergangenheit. Keine Erfüllung. Öffnung. Arthur kann sich einlassen. Hoffnung für ihn,der den Schmerz der Abweisung überlebt. Scheintot ins Leben.

