23. Sept.
Rating:5

Was für ein originelles, witziges, böses, intelligentes und absolut grandioses Buch. Was für ein Geniestreich, wenn eine Hautcreme die Apokalypse auslösen kann und der Leser dabei so richtig Spaß hat – und dennoch zum Nachdenken angeregt wird. Zitat: »Wissen Sie, wer Sie sind? Wissen Sie, was Sie zu dem macht, der sie sind? Wir sind wie das Schiff des Theseus, wir werden in einem unendlichen Zyklus zerstört und geheilt. Ist ihr Körper dauerhaft? Kein Molekül und keine Zelle entsprechen mehr dem, was Sie bei der Geburt mitbekommen haben. (…) Aber ist das Bewusstsein dauerhaft? Die Erinnerungen branden hoch und schwinden wie Ebbe und Flut. Ihr Bewusstsein hat mehr verloren, als es je wiedergewinnen kann.« Lasst euch diese tiefsinnige Passage eine Weile auf der Zunge zergehen. Kaum zu glauben, dass aus dem gleichen Buch Sätze wie diese stammen: Zitat: »Unsterbliche Supermodel-Lesben sind ein notwendiger Nebeneffekt, und… Meine Güte, klingt das schrecklich, wenn ich es so ausdrücke!« »Sie sind widerlich«, stellte Lyle fest. Dan Wells verrät im Nachwort, wie ungemein wichtig ihm “Die Formel” als Buchprojekt war bzw. ist, und das merkt man auch. Mit seiner ‘Serienkiller’-Trilogie setzte er sich schon über Genre-Grenzen hinweg und beeindruckte mit einer überraschenden und innovativen Mischung aus Horror, Thriller, Urban Fantasy und Jugendbuch – und nun übertrifft er sich in meinen Augen selber mit einem Genre-Mix aus Science Fiction, Humor und Thriller. Der Humor ist absurd und böse und sicher nicht jedermanns Sache. Der Autor erreicht damit jedoch eine großartige Balance zwischen Science Fiction, die sich mit Bravado selber parodiert (siehe ‘Unsterbliche Supermodel-Lesben’), und bestechend relevanter Sozialkritik. Was er dabei anprangert ist nicht nur die Gier der Pharmaindustrie, sondern auch unser verdrehtes Bild von Schönheit, das in den Medien propagiert wird und das wir viel zu unreflektiert als Maßstab für unseren eigenen Selbstwert nehmen. Wie glaubhaft das Ganze von einem wissenschaftlichen Standpunkt ist, kann ich nicht beurteilen. Im Grunde sieht es meines Erachtens so aus: entweder man beschließt nach den ersten Kapiteln, sich einfach darauf einzulassen, oder das Buch ‘funktioniert’ nicht. Aber was hat man dabei schon zu verlieren? Spannend ist es auf jeden Fall. Das fängt schon beim ersten Blick ins Inhaltsverzeichnis an, wenn man feststellt, dass die Kapitel einen Countdown bis zum Weltuntergang herunterzählen – man fragt sich die ganze Zeit, ob es wirklich dazu kommen wird oder nicht. Mit jedem Kapitel wird die Geschichte aberwitziger, bis es manchmal fast etwas von Slapstick hat, aber gleichzeitig legt der Autor die Daumenschrauben an. Es findet ein rasantes Wettrüsten statt, um das Ende der Welt abzuwenden und dabei möglichst noch Profil einzustreichen. Es wird zunehmend schwieriger, die Charaktere auseinander zu halten, aber das ist sicher ein gewollter Effekt, immerhin geht es hier um eine Hautcreme, die Menschen klont. Und natürlich versucht absolut jeder, das zu seinem Vorteil einzusetzen… Der Held der Geschichte ist jedenfalls überhaupt kein Held, in keiner Hinsicht. Lyle Fontanelle hat oft die besten Absichten und sogar ein paar halbherzige Prinzipien – aber leider kein Rückgrat. Er hat der Welt die Katastrophe eingebrockt, aber nicht die Absicht, bei einem Rettungsversuch sein Leben zu riskieren (außer es geht um eine Frau, in die er verliebt ist). Für einen Großteil des Buches war er mir trotzdem irgendwie sympathisch, bis er sich mein Wohlwollen kurz vorm Ende dann doch noch verspielte. Dennoch ist er meiner Meinung nach ein wunderbarer Buchcharakter, weil man immer wissen will, wie es mit ihm weitergeht – egal, wie katastrophal ihm alles misslingt. Der Schreibstil ist ein wenig durchwachsen. Es gibt Passagen, in denen die Sätze holpern, sich verschachteln oder im Zusammenhang einen unklaren Sinn ergeben (was allerdings an der Übersetzung liegen könnte), aber dafür gibt es wirklich fantastische Passagen, wo der Autor über sich hinauswächst. FAZIT Lyle Fontanelle wollte eigentlich nur eine revolutionäre Hautcreme entwickeln, die die Haut veranlasst, Zellen mit mehr Kollagen zu produzieren – aber was dabei herauskommt, ist auf andere Art revolutionär als geplant, denn die Creme programmiert die DNA eines Menschen komplett um… “Die Formel” ist alles, nur nicht 08/15. Zwischen bitterbösem Humor und Sozialkritik erzählt Dan Wells eine rasante apokalyptische Geschichte jenseits der Klischees.

Die Formel
Die Formelby Thomas MünzerErich Walter
22. Sept.
Rating:1

In „Die Formel“ von Dan Wells geht es um eine Lotion, die Menschen in Klone anderer verwandelt. Erschienen ist der Roman bei Piper im April 2018. Lyle Fontanelle ist Chef-Wissenschaftler bei NewYew, einer Kosmetikfirma, die einst durch ein Mittel für die Chemotherapie reich wurde und nun nach neuen Erfolgen strebt. Er forscht an einer AntiAging-Creme und hat durchschlagende Erfolge, doch bei der letzten Testreihe treten komische Symptome bei den Testpersonen auf. Bei einer näheren Untersuchung wird festgestellt, dass die Lotion nicht verjüngt, sondern stattdessen die DNA der Nutzer überschreibt und diese dadurch in Klone anderer verwandelt. An der Einführung des Produktes möchte NewYew dennoch festhalten und so wird eine weltweite Katastrophe ausgelöst. An dieser Stelle noch mal vielen Dank an Weltenwanderer, dass sie mir das Buch nach dem Lesen zugesendet hat. Das war so eine tolle Geste und ich habe mich so darüber gefreut, weil es so überraschend kam. Schade, dass mir das Buch nicht so sehr gefallen hat wie dir. Achtung, ich werde bei dieser Rezension nicht ohne massive Spoiler auskommen. Wenn ihr das Buch unvoreingenommen lesen wollt, dann lest besser nicht weiter. Die Kurzzusammenfassung: Die Geschichte passt vorne und hinten nicht und ich habe selten eine negativere Darstellung der gesamten Menschheit gelesen. Zum Schreibstil mag ich gar nichts sagen, weil ich recht schnell mehr quer gelesen habe. Ich war echt sehr abgelenkt von der abstrusen Geschichte, die für mich so gar nichts mit der Realität zu tun hatte und ich komme mir etwas komisch vor, wenn ich das schreibe, denn ein Buch über ein Raumschiff, dass ich am selben Wochenende gelesen habe, fand ich viel realistischer und auch da hat der Autor die Theorien genommen, die am besten in seine Geschichte passen, aber dennoch hat es ein rundes Bild ergeben. Bei diesem Buch hat an der Geschichte für mich gar nichts gepasst. Das Buch ist eine Fundgrube für alle Verschwörungstheoretiker. Impfgegner, die sich nicht gegen Corona impfen lassen wollen, werden hier komplett in ihrer Skepsis bestätigt. In der Lotion wird ein Retrovirus benutzt, der eigentlich nur die Information an die Zelle liefern soll, mehr Kollagen zu produzieren um so die Falten zu mindern. Durch eine zufällige Mutation macht dieser Retrovirus allerdings genau das Gegenteil. Die vollständige DNA einer Person wird abgespeichert. Diese prägt die Lotion. Beim Anwender wird dann hingegen die komplette DNA überschrieben und dieser so in einen Klon dieser Person verwandelt. Das ganze vollzieht sich über einen Zeitraum von 4 Wochen: Größe, Aussehen, Hautfarbe, Geschlecht und Blutgruppe werden vollkommen an die DNA der prägenden Person angepasst und obendrauf bekommt man noch die komplette Beendigung des Alterungsprozesses, weil die DNA fortwährend mit der des Originals überschrieben wird. Das bietet natürlich einiges an Möglichkeiten und eines kann ich hierzu festhalten: Keine absurde Möglichkeit wird ungenutzt gelassen. Verbrechen werden begangen und können nicht mehr zurückverfolgt werden, weil sich die DNA der Klone nicht von der des Originals unterscheidet. Ein Guru bekommt die Lotion und fängt an Menschen von seltenen Krankheiten zu heilen. Die Lotion wird als Biowaffe genutzt, um eine ganze Insel in kleine Kinder zu verwandeln und anschließend zu erobern. Staaten prügeln sich darum, dass Zeug in die Finger zu bekommen, weil es die beste Spionageerfindung ever ist. Eine christliche Sekte möchte Jesus wieder zum Leben erwecken und auch vorm prägen der Lotion mit Affen-DNA wird nicht Halt gemacht. Ein weiteres Problem, dass ich mit dem Buch hatte: Ich habe glaube ich noch nie von so negativen Menschen gelesen. Ich traue der Menschheit allerlei böse Dinge zu, aber das in diesem Buch war echt zu viel. Alle Manager bei der Kosmetikfirma NewYew sind so dermaßen skrupellos. Die Lotion ist eine Art Gentherapie? Egal, verschweigen wir. Es macht wirklich jünger und ist das AntiAging Produkt schlechthin. Ach, die DNA von den Menschen wird komplett überschrieben. Ist ja noch besser. Wir verkaufen den Leuten, dass sie wie das Supermodel aussehen können, dass sie so bewundern und zwar exakt genauso, aber das die DNA komplett verändert wird, verschweigen wir natürlich. Ist ein harmloser Kräuterzusatz. Wir haben keine Zeit für jahrelange Freigabeprozesse mit den Behörden. Wird schon keinen stören. Der Chefwissenschaftler meint, er hätte so edle Motive, aber alles was er will, ist berühmt werden, für seine tolle Erfindung in Wissenschaftskreisen gelobpreist werden und seine junge Assistentin flachlegen. Der Typ ist über 50, kann aber an nichts anderes als Sex denken, wenn er seine blonde Assistentin sieht. Es war so ekelhaft. Gleichzeitig hat der Typ aber auch so extreme Minderwertigkeitskomplexe und kann sich überhaupt nicht durchsetzen. Irgendwann versucht er sich ein wenig aufzubäumen und sich selbst zu reflektieren, aber das ist nicht wirklich von Erfolg gekrönt. Die Message von der bösen Schönheitsindustrie und einer Welt, in der niemand man selbst sein möchte, kam so überhaupt nicht an, weil das Buch alles total überspitzt, so dass ich das nicht ernst nehmen konnte. In der Mitte des Buches hatte ich mich fast an die Absurditäten dieser Geschichte gewöhnt, doch dann kamen neue Sachen hinzu. Das Buch begnügt sich nicht damit, dass eine Lotion komplett außer Kontrolle gerät. Nein, die Welt muss natürlich auch untergehen. Über jedem Kapitel steht, wie viele Tage es noch bis zum Weltuntergang dauert. Dann beschränkt sich die Geschichte aber weitgehend auf den Handlungsort New York und irgendwann plötzlich zum Ende des Buches hin, sind ganze Regierungen zusammengebrochen, es gibt kein Strom, kein Essen, etc.. Man hat schon irgendwie die Entwicklungen mitbekommen, die sich immer weiter gesteigert haben, aber alles eben nur im Raum New York. Ein weltumspannendes Bild hat sich daraus einfach nicht für mich ergeben. Noch mehr zu den Dingen, die für mich an dieser Geschichte nicht gepasst haben, möchte ich jetzt nicht aufführen. Ich möchte nur noch einmal betonen, dass dies meine Meinung zu diesem Buch ist. Wenn euch das Szenario gefallen hat, dann freut mich das. Ich kenne das selber von mir, wenn ich ein Buch mag, dann sehe ich auch gerne über den ein oder anderen Fehler in der Geschichte hinweg und unterhalten hat mich diese Geschichte auf jeden Fall, wenn auch nicht im positiven Sinne. Ich musste dennoch herausfinden, was sich der Autor noch alles an Absurditäten ausgedacht hat und habe das Buch nicht abgebrochen, auch wenn ich das ein oder andere Mal drüber nachgedacht habe. Fazit: Das ganze Konstrukt der Geschichte passt für mich hinten und vorne nicht und ich habe noch nie von einer schlechteren Menschheit als in diesem Buch gelesen. Der Autor lässt keine absurde Möglichkeit der Anwendung für seine klonende Lotion aus. Mich konnte das Buch nicht zum Nachdenken über den Schönheitswahn in unserer Gesellschaft anregen. Eine Leseempfehlung kann ich nicht aussprechen und ich kann auch nicht sagen, für wen dieses Buch etwas sein könnte.

Die Formel
Die Formelby Thomas MünzerErich Walter