
Was passiert, wenn man den wohl berühmtesten Physiker der Geschichte mit einem der rätselhaftesten Schriftsteller in einer Graphic Novel aufeinandertreffen lässt? „Einstein in Kafkaland“ gibt darauf eine ebenso unterhaltsame wie kunstvoll absurde Antwort. Ken Krimstein, Cartoonist für den New Yorker, erschafft ein surreal-bildgewaltiges Szenario, das zwischen dokumentarischer Akribie und fantastischem Erzählen pendelt – und dabei immer wieder zum Staunen und Schmunzeln einlädt. Die Ausgangslage ist historisch belegt: 1911 begegneten sich Albert Einstein und Franz Kafka in Prag. Ob sie mehr als einen Vortrag teilten, ist unklar. Krimstein macht daraus die Geschichte einer imaginären Freundschaft zwischen einem „frustrierten Patentprüfer“ und einem „ehrgeizigen Versicherungsfachmann“. Erzählt wird das Ganze aus der Perspektive eines sarkastischen Skeletts – jenes, das an der berühmten astronomischen Uhr am Prager Rathaus angebracht ist. Ein erzählerischer Kniff, der perfekt zur traumartigen Atmosphäre des Buches passt. Krimstein greift zahlreiche Motive aus Alice im Wunderland auf – eine Welt, in der Logik ständig auf den Kopf gestellt wird, Gedanken Umwege nehmen und Realität nur ein Vorschlag ist. Genau das trifft auch auf seine Illustrationen zu: kantig, skizzenhaft, überdreht – und gleichzeitig voller Nuancen. Die Zeichnungen wirken manchmal roh, fast gehetzt, doch nie zufällig. Sie verlangen einen zweiten Blick – und lohnen ihn mit liebevollen Details, feinem Humor und visuellen Hintersinn. Inhaltlich bewegt sich die Graphic Novel zwischen biografischer Skizze, politischem Porträt und intellektuellem Spiel. Der junge Einstein ringt mit seiner Theorie, kämpft gegen Widerstände und Armut – und trifft auf Kafka, der seinerseits mit Existenzängsten, Behördenirrsinn und sich selbst kämpft. Ihre Dialoge sind klug, manchmal melancholisch, oft witzig. Und sie regen zum Denken an, ohne belehrend zu sein. Was ist Fakt, was Fiktion? Diese Frage stellt sich beim Lesen ständig – und wird doch bald nebensächlich. Denn „Einstein in Kafkaland“ will nicht belehren, sondern begeistern. Wer nach einer wissenschaftlich exakten Darstellung der Relativitätstheorie sucht, wird hier nicht fündig. Wer jedoch offen ist für ein verspieltes, geistreiches, philosophisch angehauchtes Leseerlebnis, wird es verschlingen. Krimstein gelingt das Kunststück, Geschichte, Wissenschaft und Literatur in einem einzigen, wuchernden Erzähluniversum zu verweben. Und er tut das mit einem Humor, der feinsinnig und respektvoll bleibt – selbst gegenüber Größen wie Einstein und Kafka. „Einstein in Kafkaland“ ist keine gewöhnliche Graphic Novel – sie ist ein kleines Kunstwerk, das ebenso viel Freude macht wie es Fragen aufwirft. Wer Kafka liebt, wer sich für Einstein interessiert, wer Alice im Wunderland zu schätzen weiß oder einfach Lust auf eine außergewöhnliche literarische Erfahrung hat, sollte dieses Buch lesen. Oder besser: erleben! Aus dem Amerikanischen von Nadine Püschel.





