Gerhard, ein ehemaliger Käpt‘n zur See, gewinnt durch das Versprechen, ein Dach über dem Kopf zu bieten, die Wahl zum Kaiser der Obdachlosen und führt kurz darauf den Zug zur Kirche an, welche kurzerhand besetzt wird. Leopold arbeitet bei der örtlichen Polizei und leistet Dienst nach Vorschrift, was seinem Chef ein Dorn im Auge ist. Nachdem dem Pfarrer die Situation in der Kirche über den Kopf wächst, wird Leopold hinein geschickt um zu vermitteln. Der Kaiser ist gewillt die Belagerung aufzuheben, aber nur unter der Voraussetzung, dass Leopold gegen ihn bei der Olympiade der Obdachlosen antritt, die unter anderem Disziplinen wie Alkohol trinken und eine Nacht unter freiem Himmel verbringen, beinhaltet. - Fabian Wakolbinger kreiert hier eine absolut witzige und lesenswerte Gesellschaftskritik und gibt Menschen am Rande der Gesellschaft eine Stimme. Sehr authentisch beschreibt er die unterschiedlichen Gruppen der Obdachlosen, geht auf Einzelschicksale ein und zeichnet so ein schönes Gesamtbild der Bevölkerungsgruppe, die gern mal übersehen wird. Mit viel Einfühlungsvermögen und einer guten Portion Humor schildert er die Lebensweise, die täglich einem Kampf gleicht. Als wäre es nicht genug ohne Sicherheit leben zu müssen, sich jeden Tag darum zu sorgen, wo man schläft oder wo man etwas zu essen her bekommt, werden die Menschen ausgegrenzt, beschimpft und von der Polizei vertrieben. Ein Leben was man sich nicht vorstellen will, was aber für viele leider Realität ist. Vor allem durch die Olympiade, an der der Polizist Leopold teilnehmen soll, wird der Blick für diese Realität gestärkt. Es wird aufgezeigt wie schambehaftet bspw. das Bitten anderer Menschen um Geld ist, wie zeitaufwendig. Es wird erlebbar, wie anstrengend und frustrierend die Suche nach einem Schlafplatz ist, der noch nicht belegt ist. Es wird vor allem klar, dass eine solche Lebensrealität vorrangig aus der Nahrungsbeschaffung und dem Finden eines „Daches über dem Kopf“ (und in manchen Fällen, die Besorgung von Alkohol und Drogen) besteht. Ein weiterer Punkt, der mir aufgefallen ist, ist wohl eher eine Mahnung. Ich hab ehrlich gesagt keine Ahnung, ob es beabsichtigt ist, oder ob mein Kopf dies nur so assoziiert, aber mit folgendem Szenario beginnt das Buch: ein Österreicher steht auf einer Bank und verspricht mit ausufernden, großen Worten das Blaue von Himmel und alle Umstehenden feiern ihn dafür und folgen ihm im Anschluss blind. Kommt einem irgendwie bekannt vor… Hier endet es glücklicherweise nicht in einem Krieg, sondern zusammengepfercht in einer Kirche, die die meisten nach kurzer Zeit wieder verlassen, da sie dort auch nicht glücklicher sind, aber die Quintessenz bleibt die gleiche und dieses Geschehen führt vor Augen, dass es auch heute noch immer möglich ist, mit ein paar gut gewählten Worten, die Masse für sich zu gewinnen und zu unüberlegten Handlungen zu bewegen. - Das Buch ist ein Appell an mehr Menschlichkeit und eine Aufforderung hinzusehen, aber ohne belehrend zu wirken. Mit Leichtigkeit gelingt es Wakolbinger diese doch recht ernsten Themen auf eine humorvolle Art zu vermitteln und es macht einfach Spaß den Handelnden zu folgen. Natürlich werden hier Stereotype bedient, natürlich wird mit Klischees gespielt, aber bevor der*die Leser*in dies anmeckern kann, tut es der Autor kurzerhand in seinem Text selbst: „Natürlich ist diese Kurzbeschreibung höchst unzureichend und darf mit Begriffen wie Repräsentativität nicht gemeinsam in der Wohnung schlafen, geschweige denn das Bett teilen. Die Gruppen sind genauso stereotypisch zusammengefasst, wie die Vielzahl von Menschen, die nicht in eine dieser Gruppe passten, ignoriert wurde.“ (S.11) Diese Selbstreflexion finde ich herrlich, nimmt sie einem doch gleich den Wind aus den Segeln. Einziger Kritikpunkt ist das Ende: Dies kam mir ein bisschen zu überstürzt und ich hätte gern ein paar Seiten mehr gehabt um das Ganze würdig abzurunden. - Ein gelungenes Debüt und eine große Empfehlung meinerseits.
1. JuniJun 1, 2023
Kaiser der Obdachlosenby Fabian WakolbingerMILENA
