
Ein interessanter, nach Interpretationen lechzender Roman, der sich pädagogisch einwandfrei nutzen ließe, um über Gesellschaften, Moral und Ideologie zu diskutieren.
„Da war auch Musik, ein Lied im Hals jedes einzelnen Sängers, eine Hymne für jene ohne Hymne; es war der Aufschrei der Verurteilten, dass es mehr geben sollte - mehr Bestrafung, mehr Grausamkeit, mehr Hass. Immer mehr, nie weniger, das war das Lied, und es wurde aus ganzem Herzen gesungen.“ (Ball 2024, S. 202f.) Zugegebenermaßen sind dystopische Romane nicht meine erste Wahl und es ist, um mit Mark Fishers Worten zu sprechen, einfacher „sich das Ende der Welt als das Ende des Kapitalismus“ vorzustellen. Dystopien liegen im Trend, Dystopien lassen sich vermarkten. So weit dazu. Jedoch wäre es zu einfach, Balls „Das Spiel des Tauchers“ damit abzustempeln. Die Protagonist*innen der ersten beiden Kapitel (insgesamt sind es drei Hauptkapitel) sind junge Menschen (altersmäßig nicht näher benannt), die quasi-repräsentativ für die zwei Kategorien von Menschen des Romans stehen: die „Pats“, Menschen mit Rechten ausgestattet und in den Städten lebend, und die „Quads“, die Geflüchteten, die außerhalb der Stadt in Quadranten leben. Pats besitzen Gasmasken und Giftgaskartuschen, die sie nach geltendem Recht gegen Quads verwenden dürfen - ohne irgendwelche Konsequenzen fürchten zu müssen. Quads hingegen sind die von den Pats entrechteten Menschen zweiter Klasse mit den durch die Pats gekennzeichneten Merkmalen eines abgetrennten Daumens und eines Brandmals im Gesicht. Die geschilderten Geschichten drehen sich dabei um zwei für die jeweilige Menschengruppe wichtige Tage: den „Ogias-Tag“ der Pats (Tag des Schuldenerlasses) und der „Tag der Infantin“ der Quads (lang ersehnter Umzug mit der Königin). Die beschriebenen Charaktere stehen in keiner unmittelbaren Relation, lediglich ihre Zugehörigkeit sagt etwas über sie aus und wie sie sich in ihrer jeweiligen Lebenswelt bewegen. Dystopisch wird der Roman dadurch, dass Leser*innen nicht genau erfahren, was jeweils geschehen wird bzw. wie das jeweilige Ereignis endet - stattdessen werden einzelne Szenarien geradezu beiläufig angerissen, die erahnen lassen können, was passieren könnte. Das dritte Kapitel bildet einen Abschiedsbrief der nicht weiter vorgestellten Margaret, der als eine Art hoch tragische Synthese gelesen werden kann, der zumindest in ihrem Privaten versucht, gesellschaftliche Missstände artikulierbar zu machen (CN: Suizid). Die Faszination des Romans liegt meiner Meinung nach in dem Facettenreichtum, dem Interpretationsspielraum und der Offenheit. Ball nutzt (leider) real existierende Narrative wie sie bspw. beim Rassismus oder Klassismus greifen und transferiert diese in eine fiktive Gesellschaft. Stehen Pats ihrer eigenen Denke nach für das Zivilisierte und Kultur, sind Quads aus der Sicht der Pats die Wilden, Triebhaften und Unzivilisierten, gegenüber denen es legitim scheint und legal ist, Gewalt auszuüben. „Das Spiel des Tauchers“ ist vielschichtig und bietet sich pädagogisch ausgezeichnet als Lektüre an, um mit jungen Erwachsenen über Gesellschaft, über Ideologien, über Richtig und Falsch, aber auch über das unmittelbare Zusammenleben ins Gespräch zu kommen.
