Der Roman spielt und Kroatien. Der anfangs namenlose Ich Erzähler hat zwei abgeschlossene Studien und arbeitet in einem Hotel, hält sich einen älteren Liebhaber und versucht über die Runden zu kommen. Als sein Vater schwer krank wird beginnt der Versuch einer Annäherung. Die Sprache ist sehr derb. Es geht um Sozialkritik, Akzeptanz und die Beziehung Vater-Sohn.
Toller Text auf das Wesentliche reduziert mit starken Bildern
Eigentlich wollte ich dieses Buch noch im #pridemonth Juni schaffen, aber das Leben kam dazwischen. Wenn ihr euch einen homosexuellen Mann in einer Großstadt vorstellt, was habt ihr vor Augen? Einen gut situierten, gut aussehenden, stilvoll gekleideten Mann mit gutem Geschmack? Luka lebt in Zagreb, ist schwul und hat es bisher nicht geschafft, eins von diesen Attributen zu leben. Sein Studium hat er abgebrochen und er jobbt an einer Hotelrezeption um sich gerade so über Wasser zu halten. er verliert seine Wohnung und landet bei seinem kranken Vater, zu dem er kaum Kontakt hat. Sein Liebesleben könnte auch besser sein. Nur zu Goran, einem viel älteren Mann, hat er regelmäßig Kontakt. Das Buch beschäftigt sich in erster Linie mit dem Verhältnis zwischen Vater und Sohn, den Verletzungen, den Missverständnissen der Kommunikation unter schwierigen sozialen Bedingungen, aber auch der Liebe, die immer mal wieder durch schimmert. Beide haben sie in sich, beide äußern sie auch. Aber fühlen können sie diese nur schwer. Sie scheitern oft an gegenseitigen Erwartungen, an der schweren Vergangenheit und der Enttäuschung, die sie dem jeweils anderen gegenüber fühlen. Kroatien ist kein einfaches Land für queere Menschen. In den letzten Jahren hat sich zwar auch dort eine LGBTQ Szene sichtbarer in den Vordergrund geschoben, aber Homophobie ist immer noch an der Tagesordnung. Schwul zu sein, ist eine Herausforderung, das macht Dino Pešut in seinem autofiktionalen Werk deutlich. Wer schwul ist und ein gutes Leben führen möchte, geht ins Ausland, da dies in der Heimat fast unmöglich ist. Dafür finde ich den Vater des Protagonisten verhältnismäßig offen, wenn auch deutlich wird, wie sehr er mit der sexuellen Orientierung seines Sohnes zu kämpfen hat. Goran, Lukas Sugar Daddy, ist eine Figur, die, obwohl sie relativ wenig Raum einnahmen, sehr greifbar war. Das mag auch daran liegen, dass er seinen Emotionen freien Lauf lässt, mal lacht, mal weint und trotzdem wird anhand von ihm deutlich wie schwierig es ist in der kroatischen Gesellschaft als schwuler Mann Anerkennung zu finden. Hinzu addiert, hat Pešut auf den 224 Seiten kleine Einsprenkelungen der allgemeinen sozialen und politischen Situation in Kroatien. „Ganz Zagreb ist voll von fiktiven Arbeitsplätzen, die geschaffen wurden, um die unfähigen Kinder wichtiger Personen unterzubringen.“ Der Roman arbeitet mit knappen Sätzen die starke Aussagen transportieren und bisweilen drastischen Bilder vermitteln. Die Übersetzung von Alida Bremer ist grandios gelungen. „Er bleibt in seinen zu wenigen Wänden auf zu vielen Quadratmetern, hilflos und allein zurück, in der unsichtbaren Betonumarmung seiner Eltern.“ - I mean…😍! Umgangssprachliche Elemente nehmen ebenfalls einen großen Raum ein. Hier hat der Autor den Leuten auf den Mund geschaut und was dabei rauskommt, ist nicht immer lyrisch(das Wort F**k kommt überproportional häufig vor.) Es ist auch ein sehr körperliches Buch, Beschreibungen von sexuellen Handlungen und Körperflüssigkeiten inklusive. Die Kombination aus Sprache und Bildern schafft es, die fragile Beziehung zwischen Vater und Sohn erlebbar zu machen. „Die Onkologie ist das Berghain für den Tod, der dort mit den Fingern schnippst und sich mit seinen Freunden vergnügt.“ Ich habe die musikalische Untermalung sehr gemocht und fand sie immer passend. Die Reduktion des Textes auf das Wesentliche und die Sprünge in Ort und Zeit schaffen eine ganz eindrückliche Stimmung. Oft werden konträre Bilder gegenübergestellt. Muskelgepackte Heteros die man eher in der homophobe Ecke ansiedeln kann, zeigen beispielsweise Gefühle und berichten von Läuterung. Der Facettenreichtum des Textes hat mir richtig gut gefallen. Das Buch liest sich schnell und am Ende ist nicht alles gut, aber vieles besser. Eine Entdeckung, die ich ohne Alida Bremer wahrscheinlich nicht gemacht hätte und eine große Empfehlung für alle, die etwas Anspruchsvolles und kaum Bekanntes suchen, was im Kopf bleibt

