Als Henry in seiner Schlafkammer im Raumschiff wieder zu sich kommt, ist nichts so, wie es geplant war: er wollte die Erde verlassen um vor den Folgen einer (nicht im Detail vorkommenden atomaren) Katastrophe zu fliehen. Stattdessen ist er immer noch auf der Erde, einer eisigen, stark veränderten Erde, und muss feststellen, dass das Raumschiff nie gestartet ist und er der einzige Überlebende des Schiffes. Das heißt jedoch nicht, dass er allein auf der Erde wäre - das habe ich nach Leseprobe und Klappentext irgendwie so erwartet. Stattdessen trifft er recht schnell auf die Menschheit in der Zukunft. Einer harrschen, sehr lebensfeindlichen Zukunft, in der die Menschheit den Strom anbetet, aber kaum noch zur Verfügung hat, in der die Welt unglaublich geschrumpft ist und Augsburg von Gießen unvorstellbar weit weg ist für die Menschen. In dieser fernen, fremden Zukunft muss Henry sein Überleben navigieren und herausfinden, was er vom Leben will, hier, wo alles sich verändert hat. Das Setting ist ziemlich gut ausgestaltet. Wie die Zukunft aussieht und wie Henry sich dadurch navigiert, welche zwischenmenschlichen Beziehungen er knüpft, liegt im Mittelpunkt des Romans. Weder die Katastrophe noch was eigentlich aus den anderen Raumschiffen geworden ist, werden richtig behandelt, was ich insgeheim ein bisschen erhofft hatte. Stattdessen hat das Ganze einen ganz anderen Vibe, ein bisschen Tribes of Europa, ein bisschen Vikings, ein bisschen Reisen in die Vergangenheit, wenn alte Technik in der neuen Welt auftaucht. Nicht nur aus Henrys Sicht wird erzählt, sondern auch ein paar Menschen aus der Zukunft haben POV-Abschnitte/Kapitel, was sehr interessante Einblicke in ihre Denkweise gibt. Die Ideen fand ich ziemlich innovativ und das Buch sehr spannend. Henry als Charakter war sehr eigenwillig, nicht unbedingt immer sympathisch. Das einzige, was ich zu spröde fand, war die romantische Beziehung, die eingeflochten war. Hier hätte ich gut und gerne auf einige Beschreibungen ganz verzichten können. Kleine Contentwarnung (nicht nur fürs Buch, auch fürs Review und zugleich Spoiler): Vergewaltigung Ich springe normalerweise immer im Dreieck, wenn in einem Buch unangekündigt eine Vergewaltigung vorkommt, vor allem wenn sie dazu da ist, um bei einem Bösen zu zeigen, wie böse er ist. Hier fand ich es allerdings mit sehr viel Fingerspitzengefühl umgesetzt, weil es 1) weder ausgeschrieben wurde noch als Shock Value und 2) über das gesamte Buch aufgebaut wurde, dass dies zur Charaktermotivation eines Charakters gehört. Ich werde niemals glücklich darüber sein, dass ein Autor es überhaupt im Buch einsetzt, aber ich habe nach dem Lesen schon den Eindruck, dass sich hier auch sensibel Gedanken darüber gemacht wurde, wie die Stelle umgesetzt und was alles bei den Formulierungen weggelassen wurde. Für wen es ein absolutes no go ist, der sollte das Buch vielleicht lieber weglassen. Es gibt zudem eine weitere Andeutung von sexueller Gewalt durch eine Gruppierung von Frauen, die als Sexarbeiterinnen arbeiten und nicht freiwillig zu dieser Gruppe gelangen.
1. Jan.Jan 1, 2024
Eisschmelzeby Robert von CubeOHNEOHREN
