3. März
Rating:4.5

Hm. Ich befürchte um Bourdieus Standpunkte zu den im Buch angesprochenen Themen wirklich zu verstehen, muss man etwas anderes von ihm lesen - bei diesem Buch handelt es sich um viele Interviews zu verschiedenen Themen, wo er (vermute ich) mündlich auf Fragen geantwortet hat. Daher gibt es viele teilweise abrupte Themenwechsel und das Buch ist insgesamt ein bisschen nichts halbes und nichts ganzes. Nichtsdestotrotz ist es voller unglaublich spannender Gedankenanstösse, insbesondere zur Bildung und zum Schulsystem, die man allerdings noch mit der Lektüre von Bourdieus selbstverfasstem Werk ergänzen müsste - aber ich nehme an so ist das Buch auch gedacht :-) Hier ein noch ein paar random Textauszüge, die ich spannend fand> Seite 162, über öffentliche Intellektuelle In der Tat lehrt er (der Schriftsteller/verantwortungsbewusste Intellektuelle), dass die großen Worte, in denen die Träume oder Ideale der Menschheit niedergelegt sind, gestärkt und gereinigt aus dem radikalen Zweifel hervorgehen, dem sie die Geschichte unterworfen hat. Indem der Schriftsteller sich erhebt, um die Worte gegen den Sprachmissbrauch, der immer einen Machtmissbrauch in sich birgt, zu verteidigen, ruft er in Erinnerung, dass Politik realistischer ist als alle Formen von Realpolitik. Seite 151, Bourdieu spricht von einer “rechten Hand des Staats” (Verwaltung, Militär, Finanzierung), und “einer linken Hand des Staats” (die Ministerien, die das Ergebnis sozialer Revolutionen sind: Bildung, Gleichstellung, etc) und die konkreten Schwierigkeiten derer, die die intrischen Widersprüche dieser beiden “Hände” in ihrer alltäglichen Arbeit vereinen müssen (Lehrer, Sozialarbeiter…) Da, wo man eine Krise der Politik, einen Antiparlarismus auszumachen glaubt, entdeckt man in Wirklichkeit Verzweiflung über den Staat als den Verantwortlichen für das öffentliche Interesse. Dass die Sozialisten nicht so sozialistisch sind, wie sie getan hatten, darüber würde sich niemand aufregen: Die Zeiten sind hart und der Handlungsspielraum ist nicht groß. Was aber überraschen kann, ist dass sie an diesem Punkt sogar zum Niedergang der öffent- lichen Angelegenheiten haben beitragen können: zunächst sin dem Sachverhalt der Ermutigung des Privatinteresses durch alle Arten von Maßnahmen und Politiken (ich erwähne nur die Medien), die auf die Liquidierung der Errungenschaften des Wohlfahrtsstaates zielen, und vor allem indem öffentlichen Diskurs mit dem Loblied auf das Privatunternehmen (als ob es für den Unternehmungsgeist kein anderes Betätigungsfeld gäbe als das Unternehmen). All das hat etwas Befremdliches, vor allem für diejenigen, die man an die vorderste Front schickt, um die so genannten sozialen Funktionen zu erfüllen und die unerträglichsten Mängel der Marktlogik zu kompensieren, ohne ihnen die Mittel an die Hand zu geben, ihren Auftrag wirklich erfüllen zu können. Wie sollten sie nicht das Gefühl haben, beständig verarscht und desavouiert zu werden? Man hätte längst begreifen müssen, dass ihre Revolte über Lohnfragen weit hinausreicht, selbst wenn der zugestandene Lohn ein unzweideutiges Indiz für den der Arbeit und dementsprechend die sie Ausführenden zugesprochenen Wert ist; die Geringschätzung einer Tätigkeit zeigt sich zuerst in der mehr oder weniger lächerlichen Entlohnung, die sie erfährt.

Die verborgenen Mechanismen der Macht
Die verborgenen Mechanismen der Machtby Pierre BourdieuVSA