Wie kann eine Gesellschaft ohne Gefängnis und Strafe funktionieren? (Wie) Können wir Gefängnisse und Polizieren abschaffen?
Nun ist doch schon wieder eine gewisse Zeit verstrichen, seitdem ich das Buch gelesen habe. Dennoch möchte ich hier ein paar Leseeindrücke und weiterführende Gedanken zu der Thematik teilen. "Abolitionismus als Tradition, Philosophie und Theorie des Wandels bewegt sich weg von einem kurzsichtigen Fokus auf die Institution des Gefängnisses hin zu einer umfassenderen Betrachtung der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Prozesse, die den Kontext geformt haben, in dem die Inhaftierung als legitimes Mittel der Justiz angesehen wird. Als 'praktisches Organisationsinstrument und langfristiges Ziel' ist der Abolitionismus eine politische Vision mit dem Ziel der Abschaffung von Inhaftieren, Polizieren und Überwachen und der Schaffung dauerhafter Alternativen zu Strafe und Haft" (S. 57). "Ein Feminismus, der auch abolitionistisch ist, [ist] der inklusivste und überzeugendste Feminismus in diesen Zeiten" (S. 14). Das Buch ist in drei Teile geteilt: I. Abolitionismus. II. Feminismus. III. Jetzt. Abolitionismus ist für mich nach wie vor ein schwer greifbarer Begriff. Mit dem Buch habe ich mir ein wenig mehr andere Eindrücke zu der Thematik erhofft. Inhaltlich geht es viel um politische Praxis in den USA, die Gefängnissysteme in verschiedenen Städten und Landkreisen. "Das bestehende Strafrechtssystem geht davon aus, dass Gerechtigkeit vergeltend ist, beziehungsweise dass Bestrafung das Wesen von Gerechtigkeit ist, und nimmt wie selbstverständlich an, dass der einzige Weg zur Wiederherstellung des Gleichgewichts nach einer Verletzung in einer angemessenen Bestrafung besteht. Kritiker:innen der vergeltenden Gerechtigkeit weisen hingegen darauf hin, dass dieser Prozess von Rache und nicht von Gerechtigkeit geleitet zu sein scheint" (S. 53). "Der abolitionistische Feminismus hat immer eine Praxis, ein Engagement gefordert - präventive, gemeinschaftsbasierte Maßnahmen, die sowohl geschlechtsspezifische und sexualisierte Gewalt verringern als auch den Schaden beheben können, wenn es dennoch dazu kommt, ohne dabei die Polizei einzuschalten. Dies erfordert erklärtermaßen, Neues zu gestalten, zu experimentieren und sich zu engagieren. Es reicht nicht, einfach nur die Abwesenheit oder Abschaffung von Polizei und Gefängnissen zu fordern" (S. 58). Wenn es darum gehen soll, Gefängnisse und Polizieren überflüssig zu machen, dann müssen wir uns um eine Gesellschaft fordern, in der geschlechtsspezifische und sexualisierte Gewalt beseitigt wird und damit einhergehend die rassistischen und heteropatriarchalen Strukturen, in denen sie gedeihen (vgl. S. 65). Auch im feministischen Diskurs zu den Themen geschlechtsspezifischer Gewalt wird all zu oft zu schnell auf kazerale Lösungen gesetzt (vgl. S. 69). Es gibt Spannungen zwischen Abolitionismus und Feminismus - "Exakt zu dem Zeitpunkt, als häusliche Gewalt und sexualisierte Übergriffe als Verbrechen anerkannt wurden und somit vermutlich eine Reaktion der Strafverfolgung erforderten, stellen zeitgenössische Abolitionist:innen ein Strafrechtssystem infrage, das vergeltende Bestrafung als Selbstverständlichkeit begreift" (S. 87). Das Kollektiv INCITE! sieht im 'kazeralen Feminismus' eine ständige Herausforderung "eine kollektive Verpflichtung, alle Formen von Gewalt zu beenden - vom Schlafzimmer über die Straße bis hin zu Polizeistationen und Gefängniszellen. Es ist eine kollektive Verpflichtung, eine neue Zukunft zu schaffen, die nicht auf Gewalt, sondern auf dem Aufblühen des Lebens beruht" (S. 98). "Der kazerale Feminismus vertraut blind auf strafrechtsorientierten Vorgehensweisen, um das Problem der geschlechtsspezifischen Gewalt zu lösen, obwohl die Forschung eindeutig belegt, dass das Strafrechtsregime bei Schwarzen, People of Color und anderen Randgruppen viel Leid verursacht. Mit der Behauptung, das Strafrechtssystem habe das Potential und die Pflicht, 'Opfer vor Gewalt zu schützen', legitimiert der kazerale Feminismus den Staat, mittel Gesetzen und Strafverfolgung Gewalt auszuüben: Der Staat kontrolliert und richtet über Verhaltensweisen, die er als 'schlecht' befindet, und definiert diejenigen, die in kriminellen Handlungen verwickelt sind, als 'schlechte' Menschen. Diese Sichtweise geht davon aus, dass die geschlechtsspezifische Unterdrückung zwar eine allgemeine Erfahrung ist, aber in erster Linie ein individuelles Problem, weil einzelne cis-Männer Gewalt gegen cis-Frauen ausüben, und der Staat einschreiten sollte, indem er die Polizeiarbeit verstärkt, die Gesetzgebung ändert, neue Gesetze und Strategien für Verhaftungen ausarbeitet, mehr Menschen strafrechtlich verfolgt, die Zahl der Inhaftierungen ausweitet und andere strafrechtliche Strategien umsetzt. Das Ergebnis ist aber weder Sicherheit noch Gerechtigkeit, sondern eine umfangreichere Kriminalisierung marginalisierter Gruppen" (S.110f.). "Da sich die Aufmerksamkeit meist auf einzelne Täter:innen konzentriert, als wären sie selbst der Anfang und das Ende dieser Gewalt, werden die strukturellen und institutionellen Hintergründe sexualisierter Übergriffe und andere Formen geschlechtsspezifischer Gewalt vernachlässigt. [...] Bleibt man am Ende auf der Ebene des Individuums, so führt dies zu endlosen Wiederholungen juristischer und anderer Verfahren in Bemühungen, die implizit davon ausgehen, dass es unmöglich ist, unsere Gesellschaft von dieser Gewalt zu befreien. Auf diese Weise wurde der ständige Rückgriff auf die Strukturen des Polizierens garantiert" (S. 111). Die Polizei wird zur Anwendung von Gewalt ausgebildet. "Auf der grundlegendsten Ebene suggerieren die Befürworter:innen von Reformen, dass abolitionistische Ansätze 'opferfeindlich' seien, und ignorieren dabei die Tatsache, dass die Polizei für die Anwendung von Gewalt ausgebildet ist und nicht für die Verhinderung oder Beseitigung der Ursachen von Gewalt, was vielleicht auch der Grund dafür ist, dass sich Polizisten mit größter Wahrscheinlichkeit gewalttätig gegenüber ihren Partner:innen verhalten als andere Gruppen" (S. 118). Nach wie vor frage ich mich, was wir denn nun mit Gewalttäter*innen tun sollen? Ich gehe in vielen Punkten des abolitionistischen Feminismus mit, dennoch frage ich mich, inwiefern unsere solidarischen Strukturen, Kollektive, die sich ehrenamtlich mit Alternativen beschäftigen, ausreichen, um schwerwiegende Gewalt zu beenden. Insbesondere als Sozialarbeiterin in einem Autonomen Frauenhaus, frage ich mich immer wieder wie sehr wir staatliche Strukturen ablehnen können im Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt? Abolitionismus scheint weiterhin eine schwer greifbare Utopie, wenn wir nicht die notwendigen (Zeit-)Ressourcen haben, um uns möglichst breit und divers zusammenkommen zu lassen und gemeinsame Lösungen zu finden. Doch was kann es eigentlich für Lösungen für unentschuldbares Leid geben? Im letzten Kapitel finde ich auch spannend, dass durch Professionalisierungsprozesse der Kern solidarischer Netzwerke gebrochen wird. Wo Menschen sich vorher ehrenamtlich engagiert ohne Referenzen oder Bezahlung alternative Umgänge mit gewaltausübenden Personen entwickelt und praktiziert haben, entstehen soziale Dienstleistungsagenturen und Wohlfahrtsverbände, die von Personen mit teuren Zertifizierungen und Zeugnissen besetzt werden und individualisieren (vgl. S. 163). Mhhh, was nehme ich denn nun eigentlich aus dem Buch mit? Also für mich sind in diesem Kontext weiterhin so viele ungeklärte Fragen. Wie gehen wir nun mit gewaltausübenden Personen um? Mir ist auch bewusst, dass Staatsgewalt nicht die Lösung sein kann, da diese weitere Gewalt produziert. Auch Gefängnisreformen oder Strafmilderungen können nicht die Antwort darauf sein, da auch hier weitere Gewalt entsteht. Und was ist überhaupt mit den gewaltausübenden Personen, die die Gewalt im Auftrag des Staates ausführen? Was machen wir eigentlich mit denen?
