27. Dez.
Rating:3.5

Obwohl ich aufgrund des Klappentextes mit etwas anderem und vor allem mit etwas Fantasy gerechnet habe und mir der Schreibstil nicht ganz so gut gefällt, hat das Buch einen guten Eindruck bei mir hinterlassen. Ich musste erstmal alles sacken lassen und bin froh, dass Tünde nun ein Teil meiner Seele ist.

Was hat mir gefallen, was nicht und warum? Idee Ich mag die Idee und die Message dahinter sehr. Umsetzung In dem Buch gab es keine Action oder Magie, dass tut dem Buch aber keinen Abbruch. Der Hauptaugenmerk liegt auf Tünde und ihrem negativen Selbstbild und Libbys Positivität. Durch den Klappentext hatte ich zwar mit Magie und mit mehr Elli gerechnet, was mich schon etwas enttäuscht hat, aber dennoch mochte ich das Buch. Thema Die Themen sind sehr tiefgehend und wichtig. Es geht um Identitätssuche, Bodyshaming, Selbstzweifel und den inneren Kritiker, mit dem sicher viele (wenn nicht sogar alle) schon mal in Kontakt gekommen ist. Ich finde das die alle gut darstellt und umgesetzt wurden. Es ist als würde man in Tündes Kopf sitzen und mitfühlen. „Übergewichtig“, sagt mein Arzt. […] „Mehrgewichtig“, sagte Elli. […] „Fett“, sage ich. […] (S. 5) Schon lange fürchte ich mich nicht mehr vor irgendwem. Nur vor mir selbst. (S. 42) Alle Gedanken drängen auf die Bühne, hasten vor, stolpern, überschlagen sich, die gegenwärtigen kloppen sich mit rückblickenden, die Zukunftsangst mit der Erfahrung. (S. 76) Hunde sollten keine Schokolade essen. Tündes auch nicht. (S. 121) Was für eine Frage! Libby will nicht zuerst wissen, was es bedeutet, sondern es geht um mich. Um mich. (S. 165) Ich bin überflüssig. Wofür bin ich da? Tante Hedi braucht mich nicht mehr. Niemand braucht mich mehr. (S. 184) Geschichte Die Szenen mit Claudia hätten meiner Meinung nach weniger sein können, oder andererseits mehr ausgebaut werden können. Sie waren für mich irgendwie verwaschen. Ansonsten hat dieser Geschichte nicht viel gefehlt. Ich finde das Libby Tünde absolut gut tut und finde wir brauchen alle eine Libby im Leben. Zumindest würde ich mir eine wünschen. „Siehst du!“ Ihre Hände breiten sich aus wie bei einer Offenbarung. „Du entscheidest, ob du die Kacke annimmst, die dir jemand reicht.“ (S. 171) Seit Libby da ist, kenne ich uns alle nicht mehr. (S.203) Charaktere Die Charaktere finde ich absolut gelungen und menschlich. Die Handlungen der Figuren haben zu den Charakteren gepasst. Sie sind wie aus dem Leben und ich kann mir geradezu vorstellen das dieses Dorf mit diesen Menschen wirklich im Norden Deutschlands existiert. Sie leben da die typische Dorfgemeinschaft. Obwohl ich Libby am Anfang nicht mochte, weil sie mit so einer Selbstverständlichkeit da einfach auftaucht, doch das hat sich schnell geändert. Die Libby, unser kleines Naivchen, hat mich mit ihrer positiven Art sehr beeindruckt. Mir ist es unbegreiflich, wie sie immer wieder Einlass findet: in Betten, in Herzen, in meine Lücke. (S. 143) (Ja, auch in mein Herz.) „Warum lachst du nicht mit, Tünde? Es ist so komisch! Ironische Fistel!“ „Ich will dich nicht auslachen.“ „Das ist doch kein Auslachen. Das ist lustig! Ständig passieren mir so witzige Sachen. Ist das nicht großartig? Lachen ist so schön.“ (S. 169) Jensen, der wie ein Ersatzvater für Tünde ist, ist ein absoluter Gutmensch. Er ist absolut toll und er hat mein Herz im Sturm erobert (wie ein großer Onkel). Und das er Plattdeutsch schnackt, finde ich super. Das macht ihn nochmal besonders und da ich ein Nordkind bin, verstehe ich auch einiges, wenn auch nicht alles. Besonders ist aber auch die Entwicklung von Tünde. Alles passiert genau in dem richtigen Tempo. Ich liebe die Wandlung die sie durchgemacht hat. Sie ist super inspirierend. Spannung Die Spannung in diesem Buch war für mich durchwachsen. Es gab Stellen die musste ich einfach weiterlesen und welche wo ich mich fast schon gezwungen habe. Das waren vor allem die ersten zwei-drei Kapitel (schwer zu verstehen) und die Szenen mit Claudia (Ich habe oft nicht verstanden worum es ging, was das bedeutet und sie waren manchmal wie nicht fertiggeschrieben). Dagegen waren die Szenen mit Libby und mit Jensen interessant, spannend und teilweise wunderschön. Drama Mal abgesehen von Tündes Zweifeln, ihrer körperlichen Scham und den Betrug ihrer Frau passiert hier so viel, dass mir im Herzen weh tat. Ich hatte so viel Mitleid mit Tünde. Wie ihre Vergangenheit war, aber auch ihre Gegenwart. Das Tante Hedi schon so abbaut und der Plattschnacker Jensen, der irgendwie alles verloren hat und trotzdem immer weiter macht. Geweint habe ich aber nicht. Lesespaß Durch die Themen und den Schreibstil war das Buch keine leichte Kost. Dennoch hat Libby alles mit ihrer Art aufgelockert. Die Geschichte hatte definitiv Witz und Charme. Lachst du jetzt doch? Pfui! (S. 168) „Wenn der Postbote dir einen Haufen Aa vorbeibringt, dann nimmst du den doch nicht an, oder, Tünde?“ (S. 170) „Und wie heißt du bei dem Spiel?“ Libby lächelt, strafft die Schultern und sagt mit ernster Miene: „Schlagertrulla.“ (S. 199) Schreibstil Über die fehlenden Absätze bei Szenensprüngen habe ich bereits gesprochen. Ansonsten fand ich den Schreibstil anspruchsvoller als bei den Büchern, die ich sonst so lese, was vermutlich am Thema/Genre lag. Dafür ist das Buch voller schöner, malerischer Beschreibungen und neuen Lebensweisheiten. Beobachtet mich mit ihren strahlenden Augen. Flapp. Flapp. Flügelschläge ihrer Wimpern. (S. 34) Da sind helle Sprenkel in Libbys Iris. Als wäre die grüne Farbe zu Ende gegangen. Nicht ausgemalt. (S. 84) Es sind nur Dinge. Auch wenn sie eine Seele haben. (S. 106) Ich schließe die Augen, horche auf das Flattern der Dinge, die der Wind fest im Griff hat, genieße die Berührungen meiner Haare, die vor dem Gesicht wehen. Kaum mag ich es denken, zu kostbar die Idee! Ein Hauch, eine Tauperle, ein Impuls. Das fühlt sich an wie glücklich sein. (S. 112) (Dieses Zitat spricht mir absolut aus der Seele.) Geruch von Wärme auf Beton, Blütenzauber und auch die olfaktorische Herausforderung der Bauernhöfe in der Nähe. (S. 203) Lächle, immer läuft irgendwas: die Nase, das Radio, die Zeit davon. (S. 252) Lesefluss Manche Sachen habe ich leider nicht verstanden, dass war mir etwas zu hoch oder ich musste sehr lange darüber nachdenken, bis sich mir der Sinn erschloss. Etwas nicht mit Emotionen zu füttern, bedeutet nicht, dass es verhungert. (S. 74) Ich wusste schon früher, dass sie ihn verlieren wird. Verloren hat. Sah es an seinem Blick, der manchmal etwas länger auf Dingen haften blieb, die ihm nichts mehr bedeuteten. (S. 173) Ein paar mehr Absätze wären gut gewesen, da ich teilweise nicht wusste wo ich gerade bin (Vergangenheit oder Gegenwart). Dafür bin ich über keine Rechtschreib- oder Grammatikfehler gestolpert. Ende Ich finde das Ende super gelungen und gut gewählt. Natürlich möchte man gerne wissen wie es weitergeht mit Tünde, Libby, Jensen, Tante Hedi und allen anderen. Doch Tündes Wandlung ist gut vorangeschritten und ich hatte zum Schluss tatsächlich Gänsehaut und einen fetten Kloß im Hals. Also, du musst gehen. Schade, ich hatte mich mittlerweile an dich gewöhnt. Muss sein. Darf ich dich irgendwann mal besuchen? Das werde ich wohl nicht verhindern können. Du tauchst bestimmt eines Tages wieder auf. Stimmt, lacht es in mir, aber da bin ich wie eine Vampirin. Ich komme nur, wenn du mich einlädst. (S. 255) Erster Eindruck nach lesen Zu aller erst war ich froh das Buch beendet zu haben. Allerdings hat es nicht lange gedauert und dann fehlte Tünde mir, weil sie irgendwie ein Teil von mir geworden ist. Tünde ist mir sehr ähnlich und ihre Wandlung inspiriert mich. Erneut lesen Vermutlich werde ich es nicht noch einmal lesen, bin aber froh es gelesen zu haben. Dafür werde ich mir die Zitate sicher immer mal wieder zu Gemüte führen. Und mit großer Gewissheit kann ich sagen, dass ich Tünde nicht vergessen werde und an sie denken werde. Bewertung Idee 5/5 Umsetzung 4/5 Thema 5/5 Geschichte 4/5 Charaktere 5/5 Spannung 3/5 Drama/Traurig 4/5 Lesespaß 3/5 Schreibstil 3/5 Lesefluss 3/5 Ende 5/5 Erster Eindruck nach beenden 3/5 Erneut lesen 2/5 Gesamtbewertung: 3,77 = 3,8

Tünde weiss alles
Tünde weiss allesby Maiken BratheUlrike Helmer Verlag