Sternebewertung fiktiv
TRIGGERWARNUNG: SEXUALISIERTE GEWALT AN MINDERJÄHRIGEN • GROOMING • MISSBRAUCH • MANIPULATION • GEWALT Kann ein Buch gleichzeitig brillant und kaum auszuhalten sein? Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wo ich anfangen soll. Auf dieses Buch habe ich fast ein Jahr gewartet. Ich hatte es bereits auf Englisch begonnen und schon nach wenigen Seiten gewusst: Nein. Das möchte ich auf Deutsch lesen. Ich wollte jedes Detail, jede Nuance und jeden Schlag in die Magengrube vollständig verstehen. Und genau das habe ich bekommen. Joyce Carol Oates ist für mich ein literarisches Phänomen. Niemand schreibt so kompromisslos über die dunkelsten Abgründe des Menschen wie sie. Niemand schafft es, Ekel, Wut, Angst und Faszination gleichzeitig hervorzurufen. Mr. Fox umfasst knapp 700 Seiten. Ich habe das Buch in drei Tagen gelesen. Drei Tage voller Beklemmung. Drei Tage voller Wut. Drei Tage, in denen ich mehr als einmal das Buch zuklappen musste, nur um kurz durchzuatmen. Im Mittelpunkt steht Francis Fox, ein charismatischer, attraktiver Englischlehrer. Beliebt, gebildet, bewundert. Einer dieser Menschen, bei denen man sofort versteht, warum andere ihnen vertrauen. Doch hinter dieser Fassade verbirgt sich etwas zutiefst Verstörendes. Mr. Fox hat eine Vorliebe für junge Mädchen. Er sucht ihre Nähe, gewinnt ihr Vertrauen und überschreitet Grenzen auf eine Weise, die beim Lesen regelrecht körperlich wehtut. Die Geschichte beginnt mit dem Fund einer Leiche im Wald. Doch lange bevor dieser Fund überhaupt eingeordnet werden kann, entfaltet Oates ein Geflecht aus Manipulation, Verdrängung, Schuld und Machtmissbrauch. Immer neue Figuren treten auf die Bühne, deren Schicksale auf erschreckende Weise miteinander verbunden sind. Was mich an diesem Roman so umgehauen hat, ist nicht nur die Handlung. Es ist die Art, wie Oates schreibt. Sie beschönigt nichts. Sie nimmt keine Rücksicht. Sie schaut dorthin, wo andere Autorinnen und Autoren wegsehen. Dabei entsteht dieses beängstigende Gefühl, dass man keine Fiktion liest, sondern etwas, das genau so irgendwo passiert sein könnte. Und genau deshalb funktioniert dieses Buch so gut. Es hat mich verstört. Es hat mich wütend gemacht. Es hat mich traurig gemacht. Und trotzdem konnte ich nicht aufhören zu lesen. Viele werden sich fragen, warum man freiwillig zu einem solchen Buch greift. Meine Antwort ist einfach: Weil Joyce Carol Oates wie kaum jemand sonst die menschlichen Abgründe sichtbar macht. Nicht als Schockeffekt. Sondern als schonungslose Analyse von Macht, Manipulation und Gewalt. Für mich ist sie die weibliche Antwort auf Stephen King – nur dass ihre Monster oft keine übernatürlichen Wesen sind, sondern Menschen. Menschen, denen wir im echten Leben begegnen könnten. Fazit: Ein brutaler, verstörender und psychologisch herausragender Roman. Nichts für schwache Nerven. Aber für mich erneut der Beweis, warum Joyce Carol Oates zu den beeindruckendsten Autorinnen unserer Zeit gehört.
