28. Juli
Ein italienischer Klassiker über das scheinbar unauffällige, italienische Bürgertum, das Grenzen überschreitet und die der Normalität verschiebt. Unterhaltsam, aber nicht immer mein Fall.
Rating:3.5

Ein italienischer Klassiker über das scheinbar unauffällige, italienische Bürgertum, das Grenzen überschreitet und die der Normalität verschiebt. Unterhaltsam, aber nicht immer mein Fall.

»„Du darfst nur an dich denken, nur an dich“, wiederholte der Vater vom Gipfel seiner Weisheit herab. „Heutzutage musst du ständig auf der Hut sein, ehe du dich’s versiehst, ist dir der Feind in den Rücken gefallen. Du darfst keine Sekunde zögern, musst stur deinen Weg gehen und darfst nicht zurückschauen. [...]“« aus „Ein ganz normaler Bürger“ (2024) von Vincenzo Cerami, S. 6, Alexander Verlag Berlin »Der Beifahrersitz mit den Löchern im Polster, das ausgeblichene Armaturenbrett, der abgegriffene Schaltknüppel, sie alle leisteten ihm Gesellschaft und erzählten den Roman seiner vergangenen Jahre. Dieses Auto war sein zweites Zuhause, Giovannis Eigentum, für das er Opfer gebracht und das er seinen Zwecken geopfert hatte: Dieser Wagen hatte ihn jeden Tag zur Arbeit und wieder zurückkutschiert; in diesem Wagen hatte er geweint, wenn er von einem Unglück zum nächsten fuhr, und gelacht zwischen zwei Momenten der Freude, hatte geträumt auf den verschiedenen Etappen seiner langen Reise, die hier vor dem Hauseingang des Mörders noch nicht beendet war.« aus „Ein ganz normaler Bürger“ (2024) von Vincenzo Cerami, S. 112f., Alexander Verlag Berlin Vincenzo Ceramis Roman „Ein ganz normaler Bürger“ (Übersetzung von Esther Hansen) handelt vom Protagonisten Giovanni Vivaldi, einem Ministerialbeamten, der kurz vor seiner Pensionierung steht. Sein Sohn Mario hat die Buchhalterausbildung bestanden und Giovanni wünscht sich nichts sehnlicher, als seinen Sohn im selbigen Ministerium unterzubekommen. Als sein Sohn auf dem Weg zur Aufnahmeprüfung für eine Buchhaltungsstelle im Ministerium als Unbeteiligter bei einem Raub stirbt, entfaltet sich die innewohnende Monstrosität des gesichtslosen Bürgertums, von Giovanni, dem ganz normalen Bürger aus der unscheinbaren Mitte der Gesellschaft, der dem Mörder seines Sohnes selbst nachgeht. Sprachlich unverblümt, wenig bildhaft begleitet man die Geschichte Vivaldis getaktet Schritt für Schritt. Szenerien werden zwar beschrieben, jedoch fühlt es sich an, als würde dies auf das Nötigste beschränkt. Steriles Verwaltungshandeln, ganz nach Giovanni Vivaldis Geschmack - könnte er Ceramis Roman einmal selbst lesen. Und in den Momenten, in denen das Menschliche im Roman doch zum Vorschein kommt, wird es schnell durch den Alltag und seine Routinen verdrängt. Auch Exzesse fallen einer Gleichgültigkeit anheim, als würden sie zum Normalsten der Welt, zum Zwischenmenschlichen, dazugehören. Grotesk und teilweise etwas verstörend wirkte Giovannis Wesen auf mich, was nicht nur an seinen Handlungen lag, sondern sich auch in dem zeigte, wie sich seine Beziehungen zu seinem unmittelbaren Umfeld ausgestalteten. Giovanni erscheint als leere Hülle, die Zweckmäßigkeit über alles andere stellt. Interaktionen mit Dottor Spaziani, seinem Vorgesetzten, wiegen schwerer, als alles, was man über die Beziehung zwischen Amalia, seiner Frau, und ihm erfährt. Gemessen an seiner „Vergötterung“, die er seinem Fiat entgegenbringt (S. 112f.), stehe sein Auto als Eigentum wohl auch über dem, was Amalia für ihn tatsächlich bedeute. Cerami hatte es mit dem Roman geschafft, dem italienischen Zeitgeist der 1970er Form zu geben; war es doch die Zeit eines gesellschaftlichen Wohlstands auf der Grundlage von Automatisierung, Naturzerstörung und der Egalisierung jeglicher sozialer Werte: das Individuum als Zentrum spätmoderner Bürgerlichkeit in Verantwortung nur für sich selbst. Gelesen aus einer heutigen Perspektive, ohne Hintergrundwissen zum Zustand einer damaligen italienischen Gesellschaft, ist das Werk in seiner Tiefe wahrscheinlich schwer zu fassen. Die damals inhärente Sprengkraft, die Cerami dem Roman 1976 damit verliehen hat, indem er Giovanni Vivaldi eben nicht als ausgefallene, besonders nonkonforme Persönlichkeit darstellt, sondern ihm das Wesen eines „normalen Bürgers“ einverleibt, der zu den groteskesten Sachen bereit ist, bleibt trotzdem bis heute unverkennbar.

Ein ganz normaler Bürger
Ein ganz normaler Bürgerby Vincenzo CeramiAlexander