„Was für ein Frühlingstag […] was für eine Süße“ - Die jüdischen Buddenbrooks? Der Vergleich mit Thomas Manns Debüt- und Nobelpreisroman drängt sich bei Gabriele Tergits 1951 erstmals erschienenem, lange vergriffenem und 2019 glücklicherweise neu aufgelegtem Familienroman Effingers gleich mehrfach auf. Neben dem monumentalen Umfang beider Werke erzählen sie mehrgenerationale Familiengeschichten, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts ihren erzählerischen Anfang nehmen und den Aufstieg sowie Niedergang ihrer Protagonist*innen nachzeichnen. Und doch greift der Vergleich von Manns Kaufmannsfamilie mit der von Tergit zu kurz – und wird letzterer nicht gerecht –, wenn Effingers lediglich als Variation der Lübecker Niedergangsgeschichte gelesen wird. Im Zentrum des vielfältigen (und mitunter unübersichtlichen) Personals stehen drei Generationen der jüdischen Familien Effinger, Oppner und Goldschmidt. Die Söhne des Uhrmachers Effinger aus der fiktiven Kleinstadt Kragsheim wollen mehr vom Leben, als das väterliche Handwerk zu übernehmen und ein gemächliches Provinzdasein zu fristen. Wie bereits ihr Bruder Ben, der nach England auswanderte und dort Karriere machte, verlassen auch sie ihre Heimatstadt und suchen ihr Glück in Berlin. Über Umwege kommt es dazu, dass die beiden Brüder, die unterschiedlicher kaum sein könnten, eine Schraubenfirma gründen und im Laufe der Jahrzehnte auch in die Automobilproduktion einsteigen. Paul, der fleißigere der beiden, verfügt über mehr Geschäftssinn und Ehrgeiz als Karl, der eher als Lebemann mit einem Faible für die schönen Dinge des Lebens erscheint. Er verlobt sich mit der modernen und attraktiven Annette, der Tochter aus der Bankiersfamilie Oppner, die gerade ein neues Haus in der Berliner Bendlerstraße bezogen hat – deutlich luxuriöser als die bisherige Bleibe in der Klosterstraße, die die Familie viele Jahre lang bewohnt hatte. Um dieses Haus und die Figuren, die hier als Familienmitglieder oder Gäste ein- und ausgehen, erzählt Tergit ihre Geschichte in 150 Kapiteln – mal kürzer, mal länger –, zwischen denen der Roman häufig den Ort wechselt, Zeitsprünge macht oder den Erzählfokus verlagert. Der zeitliche Rahmen sowie die gesellschaftspolitische Folie des Romans spannen sich vom sogenannten „Gründerkrach“ und dem daraus resultierenden Berliner Antisemitismusstreit 1878 bis zur Verfolgung und Ermordung der europäischen Jüd*innen. Zwar folgt die gebürtige Berlinerin Tergit – bürgerlich Elise Reifenberg (geb. Hirschmann), bekannt geworden in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren durch ihr Romandebüt Käsebier erobert den Kurfürstendamm und ihre Gerichtsreportagen – Thomas Manns Idee, dass man Figuren auf dem Höhepunkt ihrer Macht zeigen müsse, um den Verfall deutlich zu machen. Sie bedient sich dabei sogar expliziter wie impliziter Verweise auf Mann und seine Texte. So ist das Haus der Oppners in der Bendlerstraße ähnlich symbolhaft angelegt, wie das der Buddenbrooks, denn da, wo Mann das Haus analog zum Abstieg der Familie verfallen lässt, deutet sich bereits beim Bezug des Hauses der Bankiersfamilie an, dass diese einer unterschwelligen Bedrohung ausgesetzt ist. So werden z.B. die Tapeten des Vorbesitzers, einem Bankier, der sich verspekuliert hat, nur überklebt und können somit jederzeit wieder zum Vorschein kommen, was sich im Rahmen der späteren Enteignung auch bewahrheiten wird. Doch die Einordnung und Ausgestaltung dieses Verfalls bei Mann und Tergit unterscheidet sich erheblich: Während die Lübecker maßgeblich durch eigenes Handeln an Bedeutung, Macht und Privilegien verlieren, ist das Schicksal der Familien in „Effingers“ wesentlich stärker durch gesellschaftspolitische Umstände bestimmt. Zur Ergänzung oder gar zum Gegenentwurf der Buddenbrooks wird der Roman am Ende, denn da wo das Geschäft und Haus dieser Buddenbrooks vom Juden Hagenström übernommen wurde, sind es hier die Nazis und ehemaligen Günstlinge der Familie, wie Hartert, ein ehemaliger Lehrling, und der Marketingfachmann Striebel, die dazu beitragen, dass die Oppners/Effingers alles verlieren. Tergit zeichnet eine Familie, deren Mitglieder sich nur vereinzelt und auch dann nicht vorrangig als jüdisch begreifen, sondern zunehmend von außen dazu gemacht werden. In der Familie spiegeln sich Nationalismus und Antinationalismus, Pazifismus und Militarismus, Ober- und Arbeiterschicht, Konservatismus und Modernismus. Immer wieder begeben sich die Charaktere in Aushandlungsprozesse diametraler Wertvorstellungen. Detailliert bis ausschweifend beschreibt die Autorin dabei z.B. das Interieur der Räumlichkeiten, Kleidung der Figuren, gereichte Speisen und andere Dinge des alltäglichen Lebens ebenso wie in Dialoge gekleidete politische, philosophische und gesellschaftliche Diskurse. So entsteht, anders als bei Manns psychologischem Fokus auf die Entwicklung seiner Figuren bei Tergit eher Panorama des untergehenden jüdischen Bürgertums und der damaligen Gesellschaft. „Effingers“ ist somit nur punktuell mit Vergleichbar mit der Geschichte um die Familie von Thomas, Tony, Hanno und Co., kann aber in meinen Augen trotzdem mit voller Berechtigung – wie es ein Blurb macht – auch fernab der erzählten Zeit als „Jahrhundertroman“ gelten, der sprachlich und erzählerisch eindrucksvoll einen nahezu unüberschaubaren Zeitraum mit alle seinen Ereignissen und ein ebenso ausuferndes Figurenpersonal bändigt und dessen Wiederentdeckung vor einigen Jahren genau zum richtigen Zeitpunkt kam, denn was den Roman in meinen Augen so wertvoll für unsere Gegenwart macht, ist die Tatsache, dass er nicht von der Auslöschung deutsch-jüdischen Lebens erzählt, sondern dessen reicher Pluralität und pränationalsozialistischer Selbstverständlichkeit ein Denkmal baut und damit einerseits aufzeigt, welche Welten und Zukünfte durch die Shoa unwiederbringlich ausgelöscht wurden und uns zudem mahnd, unseren Umgang mit jüdischem Leben in der Gegenwart zu reflektieren.
Viel mehr als „ nur“ eine Familiensaga
Als das Buch bei eat.READ.sleep vorgestellt wurde, faszinierte mich schon die Geschichte. Und dann wurde es auch noch in unserem Lesekreis gezogen. 900 Seiten sind aber eine Hausnummer, zumal es sich nicht so schnell wegliest wie andere Romane. Und so brauchte ich 6 Wochen für das Buch. Einige verglichen es mit den Buddenbrooks, meinten, es sei eine ähnliche Familiensaga, nur auf jüdisch. An die Buddenbrooks habe ich mich noch nicht herangetraut, werde es aber zeitnah versuchen. Es dauerte etwas, bis ich in das Buch richtig reinfand. Es lag an der damaligen Sprache, denn schließlich erzählt Gabriele Tergat die Geschichte der Familien Goldschmidt/ Oppner und Effinger über den Zeitraum von 70 Jahren. Aus einer Familiengeschichte wurde spätestens nach der Hälfte des Romans ein politisches Buch. Und so wie die Zeit voranschritt, änderte sich auch die Sprache. Es ist alles andere als eine leichte Kost, habe es aber dennoch sehr gerne gelesen. Stark beschrieben sind neben den zahlreichen Beschreibungen, wie damals gewohnt und gelebt wurde, die Beschreibungen des 1. Weltkrieges, das Aufkommen des Nationalsozialismus bis hin zur Apokalypse. Besonders gut gefiel mir auch das Nachwort von Nicole Henneberg. Vielen Dank dafür. Für mich ein gelungener Start ins neue Lesejahr mit einem Buch, das lange nachwirken wird. Ähnlich war es schon letztes Jahr mit „Das mangelnde Licht“. Beide Bücher lese ich dieses Jahr noch einmal, da sie einfach viel zu komplex sind. Und dazu die Buddenbrooks.
Dieses Buch steht in seiner schlauen Betrachtung politischer Umstände und persönlicher Befindlichkeiten im sich wandelnden Deutschland von 1890 bis 1945 den Buddenbrooks in nichts nach. Eine wundervolle Entdeckung, die ich nicht missen möchte.
Wie soll ich dieses Buch bewerten? Es ist wahrlich ein großer Roman und eine noch viel größere Geschichte. Die Geschichte ist zeitgenössisch und sehr wahrheitsgetreu. Die geschichtlichen Ereignisse sind passiert und lassen sich nicht schön reden. Die Autorin nimmt fiktive Figuren und lässt sie das erleiden was so viele Menschen tatsächlich erdulden mussten. Und irgendwie hofft und bangt man mit ihnen, dass es eben nicht passiert und es ist erschreckend realistisch erzählt und das trägt den Leser durch die vielen Seiten. Und das ist das faszinierende und so gute an diesem Buch. So einen richtigen Sog hatte das Buch nicht auf mich und manche Kapitel waren langatmig und sehr zäh. Aber im Großen und Ganzen ist es ein Buch, dass man gelesen haben sollte, denn es ist groß und eben geschichtlich sehr gut fundiert. Die Autorin ist eine Zeitzeugin und das spürt man in jeden Wort. 4 Sterne.
Was für ein Werk! Ich habe großen Respekt davor, hier eine Rezension zu schreiben, denn ich weiß schon vorab, dass sie dem Roman nicht gerecht werden kann. Aber hilft ja nix, ich versuche ein paar Zeilen. "Die Effingers" sind eigentlich die Effingers, die Goldschmidts und die Oppners. Eine deutsche und jüdische und bürgerliche Familie, deren Geschichte Gabriele Tergit (1804-1982) über einen Zeitraum von 70 Jahren erzählt. 1878 beginnt die Handlung mit einem Brief des jungen Uhrmachersohns Paul Effinger, der aus Berlin an seine Eltern in Kragsheim (Süddeutschland) schreibt, und sie endet 1948 mit einem Blick über das zerstörte Berlin. Dazwischen entspannt sich ein Panorama deutscher Geschichte, in dem Alltägliches (Wohnungseinrichtung, Essgewohnheiten, Freizeitvergnügen...) genauso wie Politisches (Industrialisierung, nationale und internationale Politik, Frauenwahlrecht, soziale Frage, Wirtschaftskrisen...) eine Rolle spielt. Vier Generationen (der Stammbaum, der im Buch abgedruckt ist, erwies sich für mich als sehr hilfreich!) erleben drei Kriege, das Ende des Kaiserreichs und den Aufstieg der Nationalsozialisten, der in die Verfolgung und Ermordung von sechs Millionen Juden*Jüdinnen mündet. "Effingers" ist ein Familienroman, ein Gesellschaftsroman, ein Berlin-Roman, ein Zeugnis deutscher Geschichte, aber auch ein Blick in das Leben der (assimilierten) Jüdinnen*Juden vor der (und bis hinein in die) Nazizeit. "Was ich mir wünsche ist, daß jeder deutsche Jude sagt: ja so waren wir, so haben wir gelebt zwischen 1878 und 1939, und daß sie es ihren Kindern in die Hände legen mit den Worten: damit ihr wißt wie's war", schrieb Gabriele Tergit 1948 über ihren Text. Die Dramaturgie der "Effingers" ist sehr modern: kurze Kapitel, wechselnde Perspektiven, krasse Schnitte - keine überleitenden Passagen einer allwissenden Erzählerin, stattdessen immer direkt rein ins Geschehen. Die Vielfalt der Protagonist*innen, deren ganz unterschiedlichen Charaktere, Träume, Stimmungen, Haltungen und Handlungen, macht "Effingers" unterhaltsam und abwechslungsreich mit Figuren, die zwar für sich genommen alle "mehr Tiefe" verdient hätten, aber dennoch sehr plastisch sind. Ich habe einige von ihnen (Waldemar!) ins Herz geschlossen. "Effingers" ist ein Roman für alle, die keine Scheu vor dicken Büchern haben, Interesse an (deutscher) Geschichte und Freude an einer sich immer schneller entwickelnden Handlung. Wer sich für die "Klassiker" der deutschen Literatur interessiert, kommt an "Effingers" nicht vorbei. Es wird nicht umsonst immer wieder als "die jüdischen Buddenbrooks" bezeichnet.
Interessante Geschichte, die aber unter der für meine Begriffe zerstückelten Erzählweise leidet.
Der Roman Effingers beschreibt das Leben einer jüdischen Familie in Berlin über vier Generationen. Es beginnt mit einem Brief aus dem Jahr 1878 und endet mit einem Brief aus dem Jahr 1942. Wir erleben eine gut situierte und gebildete Familie, deren Weltbild sich im Laufe der Zeit und mit jeder neuen Generation verändert. Es handelt sich aber nicht „bloß" um einen Familienroman, sondern um einen Einblick in eine Zeit, die bereits ein Jahrhundert zurück liegt: Man taucht ein in die Industrialisierung mit all dem Durst nach Fortschritt. Man erlebt die politischen Wirren nach der Jahrhundertwende und begleitet die Familie in den ersten Weltkrieg. Die spanische Grippe folgt, die Inflation und letztlich der Aufstieg des Nationalsozialismus. Dabei gelingt es der Autorin, verschiedene Themen in den Fokus zu rücken, die auch heute noch aktuell sind. Zum einen der Konflikt zwischen den Generationen, der sich stets wiederholt. Die, die heute noch nach einer neuen Art des Fortschritts und der Gesellschaftskonzepte streben und sich gegen die Traditionen der Vorgängergenerationen auflehnen, sind morgen schon die, die die Konzepte und Ideen der Nachfolgegeneration nicht mehr verstehen. Auch gelingt es der Autorin, zu zeigen, wie sich das Bild der Frau (und Ehe) verändert. Während es anfangs noch darum geht, zu Gesellschaften eingeladen zu werden und möglichst schnell (zum Vorteil der Familie) zu heiraten, streben die Frauen in den späteren Jahren des Romans nach Bildung und Unabhängigkeit. Mit dem Antisemitismus ist die Familie immer wieder konfrontiert. Anfangs eher latent, aber doch erschreckend. Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus erreicht der Antisemitismus schliesslich seinen Höhepunkt und wird nun offen ausgelebt - was die Familie zum Teil weder wahrhaben noch ganz verstehen kann.







