
Ein beeindruckendes Buch über ein Tabu mit Tiefgang, Emotionalität und mitunter poetischer Schönheit!
„Jetzt, da du nicht mehr sprichst, wirst du immer im Recht sein. Eigentlich sprichst du noch immer, durch jene, die wie ich dich wieder aufleben lassen und dich befragen. Wir hören deine Antworten und bewundern ihre Klugheit. Und wenn die Tatsachen deine Aussagen widerlegen, beschuldigen wir uns selbst, sie falsch interpretiert zu haben. Dir die Wahrheiten, uns die Fehler.“ aus „Selbstmord“ (2012) von Édouard Levé, S. 9, Matthes & Seitz Berlin „Du bist ein schwarzes, aber intensives Licht, das aus deiner Nacht heraus den Tag neu beleuchtet, den sie nicht mehr sahen.“ aus „Selbstmord“ (2012) von Édouard Levé, S. 27, Matthes & Seitz Berlin Gegenstand von „Selbstmord“ ist die gleichnamige Tat der im Buch umschriebenen Person, dem eigentlichen Protagonisten. In seiner Tat, dem Fluchtpunkt der Handlung, dem sich ein zentraler Erzähler aus verschiedenen Perspektiven und Positionen nähern möchte, liegt auch die Unmöglichkeit des Verständnisses darum. Aus der zweiten Person heraus geschildert, bekommt man in manchen Situationen das Gefühl, den Protagonisten in seinem Denken, in seinen Handlungen als Person verstehen und fassen zu können, ehe eine weitere Anekdote des Erzählers uns den Protagonisten wieder entreißt. Doch so wie uns das verstanden Geglaubte wie Sand durch die Hände rinnt, gräbt man im Lesefluss dennoch wieder weiter - auf der Suche nach Antworten auf niemals zu beantwortende Fragen in einem unvollendeten Leben. Und so wird der verzweifelte Ausdruck „Dir die Wahrheiten, uns die Fehler.“ (S. 9) zum Herzstück des Werks. „Selbstmord“ ist eine philosophisch anmutende Auseinandersetzung mit Selbstbestimmung in einer radikalen Form, mit persönlicher Freiheit in den Grenzen eines Lebens. Tragik als Voraussetzung von Präsenz in einer so intensiven Tiefe und teilweise erschütternder, poetischer Schönheit, dass es mich nicht loslassen und mich zu dem Buch zurückkehren lassen wird. Ich bin zutiefst beeindruckt von diesem Werk, da sich aus unzähligen Stellen so viel mehr als nur das Abgedruckte ziehen lässt - immer vor dem Hintergrund der Thematik und der Tragik des Ereignisses. Insbesondere die mehrseitigen Terzette am Ende des Buches haben mich aufgrund der Vorgeschichte durch ihre schweigsame Emotionalität ergriffen wie sprachlos gemacht. 2007 nahm sich Édouard Levé 10 Tage nach Abgabe des Manuskriptes zu „Selbstmord“ das Leben. In dem Wissen um diesen Umstand wiegt der Text umso schwerer.


