Spannende Grundidee rund um Franz Marcs verschollenes Meisterwerk, doch zu viele verwirrende Handlungsstränge und unsympathische Figuren trübten den Lesegenuss für mich erheblich. Das Buch versprach mehr, als es halten konnte. Schade!
Als ich „Der Turm der blauen Pferde” aufschlug, erwartete mich ein vielschichtiges Puzzle, verschollene Kunst, historische Schatten, eine Jagd durch Echtheit und Fälschung. Doch schon nach wenigen Kapiteln fühlte ich mich eher wie in einem überfüllten Atelier, in dem zu viele Leinwände gleichzeitig bemalt werden, ohne dass am Ende ein stimmiges Bild entsteht. Ich wollte diese Geschichte mögen. Das Thema selbst war für mich interessant. Das Verschwinden von Franz Marcs berühmtem Gemälde, seine Wiederentdeckung, das Spiel zwischen Original und Kopie, all das klang nach einer faszinierenden Geschichte. Auch die Zeitsprünge zwischen den letzten Kriegstagen 1945 und der Münchner Gegenwart hätten spannend sein können. Doch die Umsetzung zerfaserte sich in zu viele Nebenhandlungen, die eher verwirrten als erhellten. Plötzlich tauchten Informationen auf, die vorher nicht angelegt waren, etwa eine Figur, die sich unvermittelt als zentrale Figur entpuppte. Solche Sprünge rissen mich aus der Geschichte, statt mich hineinzuziehen. Bernhard Jaumann gelingt es durchaus, die obsessive Faszination des Bauernjungen Ludwig Raithmaier für das blaue Pferdebild eindrücklich zu schildern. Diese Sequenzen besitzen eine gewisse poetische Kraft und zeigen, wie Kunst einen Menschen ein Leben lang in ihren Bann schlagen kann. Auch der Plot selbst hat einige überraschende Wendungen, die Spannung erzeugen können. Leider blieben mir die Protagonisten des Buches, bis hin zu den Nebenfiguren durchweg fremd. Der arrogante Chef Rupert von Schleewitz, seine Kollegin Klara und der dauerhaft von seinen Kindern redende Max, keiner von ihnen wurde für mich greifbar oder auch nur ansatzweise sympathisch. Bei allen Figuren bis hin zu den Nebenfiguren fehlt die emotionale Tiefe. Hinzu kommen Nebenhandlungen wie die Depression der Tochter von Mac, die so oberflächlich angerissen werden, dass sie besser ganz hätten wegfallen können. Auch wenn es an sich ein wichtiges Thema ist. Das Verfahren vorher Figuren ist ist noch nachvollziehbar. Das Geflecht aus persönlichen Schicksalen, Gier, Snobismus, Fälschungen und Identitätsfragen verlor sich in seiner eigenen Komplexität, anstatt zu fesseln. Am Ende fühlte sich die Lektüre für mich an wie ein Gemälde, auf dem zu viele Schichten übereinander liegen. Manches schimmert interessant durch, doch das Gesamtbild bleibt undeutlich und überladen. Die Idee hatte Potenzial, die Ausführung erstickte jedoch unter ihrer eigenen Konstruktion.


