Wie im Rausch
Der Spieler ist Fjodor Dostojewskis einziger Roman, der vollständig außerhalb Russlands spielt, nämlich im fiktiven Roulettenburg, hinter dem sich vermutlich Wiesbaden verbirgt. Bereits dieser Name deutet an, dass der Roman trotz seiner psychologischen Schwere eine teils groteske und beinahe satirische Komik entwickelt, insbesondere mit dem Auftreten einer bestimmten Person, die ich hier nicht spoilern möchte. Auch aufgrund seiner Kürze (je nach Ausgabe etwa 200 Seiten) und seines lebhaften, stellenweise geradezu fiebrigen Erzählstils handelt es sich um einen vergleichsweise zugänglichen Roman Dostojewskis. Ich hatte zumindest große Freude beim Lesen. Wir folgen den Erzählungen des jungen Hauslehrers Aleksej Iwanowitsch, der uns als Ich-Erzähler in eine Gemeinschaft aus Russen, Franzosen und Engländern rund um den „General“ einführt. Immer wieder nutzt Dostojewski diese Konstellation, um Unterschiede zwischen der impulsiven „russischen Seele“ und dem rationaleren, liberaleren Westeuropa herauszuarbeiten. So erscheint Roulette beinahe wie geschaffen für die Russen, die laut Aleksej mit Geld nicht vernünftig wirtschaften könnten, sondern stets versucht seien, alles wieder aufs Spiel zu setzen. Interessant ist dabei jedoch, dass der Roman diese Maßlosigkeit nicht nur verurteilt. Im Glücksspiel liegt laut Aleksej auch ein Moment von Freiheit, Leidenschaft und radikalem Risiko — ein Gegenentwurf zur berechnenden Nüchternheit der westlichen Figuren. Stück für Stück werden die Beziehungen der Personen untereinander offengelegt. Dostojewski hätte seinen Roman ebenso gut „Die Spieler“ nennen können, denn letztlich spielen sie alle — wenn auch nicht immer am Roulettetisch. Gespielt wird um Geld, gesellschaftlichen Aufstieg, Macht und Liebe. Besonders die Beziehung zwischen Aleksej und Polina (Stieftochter des Generals) erscheint dabei wie ein permanentes Machtspiel aus emotionaler Abhängigkeit, Demütigung und gegenseitiger Manipulation. Gerade die Rolle des Geldes finde ich interessant zu beobachten: Im rauschhaftem Spiel verliert das Geld jedweden Wert, es wird nach Belieben gesetzt, gewonnen und wieder verloren. Der Bezug zur Realität geht dabei zunehmend verloren — nicht nur für die Figuren, sondern zeitweise auch für uns Lesende, die zwischen Rubeln, Francs, Talern, Gulden, Friedrichsdor, Goldstücken und Pfund leicht den Überblick verlieren können. Das Casino wirkt dabei fast wie ein sozialer Ausnahmezustand, in dem die üblichen gesellschaftlichen Regeln außer Kraft gesetzt werden. Im Zentrum bleibt jedoch der junge Hauslehrer, der zunächst wie ein rationaler und verlässlicher Erzähler erscheint, im weiteren Verlauf jedoch immer wahnhafter wirkt. Anfangs kann Aleksej die Ereignisse am Roulettetisch noch scheinbar nüchtern analysieren, doch nach und nach gerät er selbst in den Sog des Spiels und wird zunehmend zum Passagier seiner eigenen Spielsucht. Auch seine obsessive Liebe zu Polina verstärkt diesen inneren Kontrollverlust zusätzlich. Die fiebrige Erzählweise des Romans spiegelt diesen Zustand hervorragend wider und lässt den Leser immer tiefer in Aleksejs rauschhafte Wahrnehmung hineingleiten. Bekanntlich verarbeitet Dostojewski in dem Roman auch eigene Erfahrungen mit Spielsucht und enttäuschter Liebe. Wie das Spiel für Aleksej Iwanowitsch letztlich ausgeht, bleibt nachzulesen.




















































