
Beklemmend reale Apokalypse mit starken Charakteren. Spannend bis zum Schluss, auch wenn die „Fantasy“ deplatziert wirkt
Eine kurze Recherche hat ergeben, dass der Roman hierzulande erstmals 1988 bei Knaur erschien – damals allerdings leider nur stark gekürzt (ein Schicksal, das er anfangs ja z.B.mit Stephen Kings „Das letzte Gefecht“ teilte). Umso genialer ist es, dass der Festa Verlag diesen Meilenstein der Endzeit-Literatur ungekürzt, neu übersetzt als Zweiteiler herausgebracht hat. Ein riesiges Danke an den Verlag, denn das Warten auf diese vollständige Fassung hat sich absolut gelohnt! Der inhaltliche Vergleich mit Kings „The Stand“ ist damit umso unvermeidlicher und, ehrlich gesagt, auch verdient. Beides sind ausufernde postapokalyptische Epen, die auf einem fundamentalen Kampf zwischen Gut und Böse aufbauen. Beide bevölkern ihre verwüsteten Landschaften mit einer Riege zutiefst menschlicher Überlebender, und beide schaffen es, einen die Wucht einer Welt spüren zu lassen, die einfach aufgehört hat zu existieren. Aber „Swans Song“ ist keine bloße Imitation. McCammon hat etwas mit ganz eigener Identität, eigener Brutalität und einer ganz eigenen, still verheerenden Eigendynamik geschaffen. Die Ausgangslage ist düster: ein Atomkrieg zwischen den USA und der Sowjetunion. Keine großen Erklärungen, kein langes geopolitisches Vorgeplänkel – die Bomben fallen, die Welt endet, und uns bleibt nichts anderes übrig, als uns mit den Überlebenden durch die Trümmer zu wühlen. Ein kleiner Kritikpunkt an dieser Stelle: Ein bisschen mehr Exposition zur Vorgeschichte des Konflikts, ein etwas genaueres Bild einer Welt, die am Abgrund taumelt, hätte dem, was danach kommt, noch mehr Gewicht verliehen. Doch sobald der nukleare Winter hereinbricht und die Geschichte ihren Rhythmus findet, lässt das Tempo nicht mehr nach. Was McCammon meisterhaft beherrscht, sind die Figuren. Sister Creep, Josh, Swan, Roland Croninger, Colonel Macklin – sie alle fühlen sich auf ihre jeweils eigene Art schmerzhaft real an. Niemand entwickelt hier über Nacht praktische Überlebensfähigkeiten. Niemand wird zum Helden, ohne dafür einen Preis zu zahlen. Besonders Roland ist einer der aufrichtig furchteinflößendsten Charaktere, die mir in diesem Genre je begegnet sind – sein Abstieg in den Wahnsinn wird mit einer kalten Präzision geschildert, die das Ganze nur noch verstörender macht. Und Macklin, mit seinem psychologischen Schatten-Soldaten, ist das Porträt eines zerbrochenen Geistes, das noch lange nachwirkt, wenn man die Seite längst umgeblättert hat. Die postapokalyptische Welt selbst wird gnadenlos gezeichnet: Wasser ist vergiftet, Nahrung knapp, jede Dose Sardinen ein kleiner Sieg. McCammon schönt die harte Mathematik des Überlebens an keiner Stelle. Auch die Gewalt ist real. Stellenweise extrem explizit – geradezu beunruhigend –, aber sie dient immer der Weltgestaltung und verkommt nie zum bloßen Selbstzweck. Der größte Stolperstein ist für mich persönlich das übernatürliche Element des Plots. Ein Roman, der so stark in den plausiblen Mechanismen einer nuklearen Katastrophe verankert ist, braucht eigentlich keine gestaltwandelnde Verkörperung des Bösen, keinen magischen Ring und auch kein Mädchen mit der Fähigkeit, Dinge wachsen zu lassen. Diese Elemente wirken, als stammten sie aus einem anderen Buch – einem, das weniger diszipliniert ist und weniger Vertrauen in seine eigene Prämisse hat. Das Spannungsfeld zwischen diesem dreckigen Realismus und dem Fantasy-Gerüst löst sich nie ganz auf. McCammons menschliche Bösewichte sind schon für sich genommen furchteinflößend genug; der übernatürliche Antagonist fühlt sich wie eine Abkürzung an, die die Geschichte schlicht nicht nötig hatte. Aber die Sache ist die: Selbst mit dieser Frustration im Hinterkopf lässt einen das Buch einfach nicht los. Jedes Kapitel treibt einen voran. Jede Figur verdient sich ihren Platz. Für einen postapokalyptischen Klassiker, der irgendwie nie die verdiente Anerkennung gefunden hat, ist „Swans Song“ ein wirklich bemerkenswertes Werk. Teil zwei wartet schon.










