Skurril & brutal
Das namensgebende Brettspiel Candyland steht für pure, unschuldige Kindheitsfreude. Mellick dreht dieses Motiv komplett um. Die Süßigkeiten – im echten Leben Lockmittel für Kinder – werden hier zu den Raubtieren selbst. Das Buch zieht eine direkte Verbindung zwischen kindlicher Gier (Verlangen nach Süßem) und dem buchstäblichen Verschlungenwerden. Es ist eine drastische Metapher für den Verlust der Unschuld und die Traumata, die aus der Kindheit in das Erwachsenenleben hineinragen. Franklins menschliches Leben ist so unerträglich, trostlos und von Ablehnung geprägt, dass die Gefangenschaft in Candyland – trotz der Folter und der Verstümmelung – eine bizarre Form von Zuflucht bietet. Juju kontrolliert ihn zwar völlig, aber sie schenkt ihm (auf ihre psychopathische Weise) Aufmerksamkeit und Intimität, die er in der realen Welt nie bekommen hat. Seine körperliche Zersetzung spiegelt seine psychische Zersetzung wider: Er gibt seine Menschlichkeit und seine Identität Stück für Stück auf, um in einer bunten, zuckersüßen Fantasiewelt zu leben, die ihn letztendlich umbringt. Es ist die ultimative Parabel auf eine selbstzerstörerische, toxische Co-Abhängigkeit. Mellick spielt gekonnt mit der moralischen Perspektive. Für die Candy-Menschen ist das Jagen und Fressen von Menschen nichts Böses, sondern ein biologischer Imperativ, Teil ihrer Evolution. Sie empfinden dabei keine Schuld. Indem der Mensch vom Konsumenten (von Süßwaren) zum bloßen „Snack“ degradiert wird, parodiert das Buch auch den menschlichen Umgang mit Nutztieren und Konsumgütern. Das Buch thematisiert sehr explizit extreme BDSM-Dynamiken und das Phänomen des Stockholm-Syndroms. Franklin, der in der echten Welt ein absoluter Versager ohne jegliche Kontrolle ist, findet in der totalen Unterwerfung unter eine dominante, sadistische Entität eine perverse Erleichterung. Der Kontrast zwischen der extremen, bunten Niedlichkeit der Umgebung und den sadomasochistischen Praktiken erzeugt den für die Bizarro Fiction typischen, maximalen kognitiven Konflikt beim Lesen.


































































