Schöne Sprache, aber altertümliche Übersetzung. Bisschen viel Pathos. Hilft gegen meine Bildungslücken betreffend Frankreich im 19. Jahrhundert.
Der erste Teil der Rougon-Macquart-Klassiker Reihe von Émile Zola schildert die Ereignisse rund um den französischen Staatsstreich von 1851, der im zweiten französischen Kaiserreich mündete, anhand der fiktiven provenzalischen Stadt Plassans, die, wie ich inzwischen von Wikipedia gelernt habe, auf der Stadt der Kindheit Zolas, Aix-en-Provence, sowie der Stadt Lorgues beruht, wo sich der im Buch geschilderte Aufstand in ähnlicher Form tatsächlich ereignet hat. Protagonisten sind die verschiedenen Mitglieder der beiden Familien Rougon und Macquart, die alle von der „gefallenen“ Kleinadeligen Adelaide Fouquet, später „Tante Dide“ genannt, abstammen. Während das Leben der meisten Nachkommen von Armut und Alkoholsucht geprägt ist, hat es Pierre geschafft, sich durch Betrug an seinen Geschwistern einen (sehr) bescheidenen Wohlstand zu ergaunern, was aber weder seinen Ambitionen noch denen seiner ehrgeizigen Ehefrau Felicité gerecht wird. Zwei weitere Protagonisten sind der junge, idealistische Enkel von Tante Dide, Silvère, und seine blutjunge Freundin Miette. Die Handlungsstränge vereinen sich in der Kumulation der Aufstandsbewegung, die für einige Charaktere tödlich endet, für andere im sozialen Aufstieg. Émile Zolas Geschichte ist ein wenig mit Pathos überfrachtet, aber bildsprachlich sehr schön geschrieben. Die vorliegende Übersetzung, deren Urheber ich gerade ums Verrecken nicht ermitteln kann, obwohl ich der Meinung bin, den Namen irgendwo gelesen zu haben, ist ein wenig altertümlich gehalten, insbesondere liebt er die Verwendung des Wortes „allein“ im Sinne von „jedoch“ (wäre interessant, zu wissen, ob Zola ebenfalls eine Vorliebe für ein entsprechendes Wort hatte) und des veralteten literarischen „Dativ-e“ am Ende von Substantiven, was zu Sätzen führt wie „Daher habe ich eine Kugel an meinem Ohre vorüberpfeifen hören“, was mich aber nicht weiter gestört, sondern im Gegenteil eher amüsiert hat. Die Lektüre lohnt sich meiner Meinung nach trotz einiger Längen insbesondere bei Interesse an den historischen Vorgängen, von denen ich, wie ich gestehen muss, nicht sehr viel wusste, da Frankreich bisher nicht so das Zentrum meines geschichtlichen Interesses bildete. Der Roman und, wie ich vermute, die ganze Reihe, sind eben doch viel zugänglicher als die meisten trockenen Geschichtsbücher. Ich freue mich darauf, die weiteren Teile der Reihe zu hören, „Nana“ und „Das Paradies der Damen“ kenne ich ja bereits. Der Sprecher der Gehörgäng, Thomas Schendel, macht seinen Job sehr gut.



