Im @albino_verlag ist kürzlich der neue Hollinghurst in Übersetzung von Joachim Bartholomae erschienen. Hie zeigt sich erneut, warum Alan Hollinghurst als einer der herausragenden Erzähler der modernen Literatur gilt. Der Roman folgt dem queeren anglo-burmesischen Schauspieler Dave Win über mehr als siebzig Jahre und zeichnet dabei ein fein nuanciertes Bild eines Lebens, das ständig zwischen Selbstverwirklichung und gesellschaftlicher Begrenzung pendelt. Besonders eindrucksvoll ist, wie präzise Hollinghurst die vielen Momente von Ausgrenzung beschreibt. Diese Mikroaggressionen wirken zunächst unscheinbar, beeinflussen jedoch Daves Entwicklung nachhaltig. Der Autor beobachtet solche Situationen mit hoher Sensibilität, ohne je belehrend zu wirken. Stattdessen entsteht ein leiser, aber eindringlicher Blick auf die subtilen Formen von Rassismus und Homophobie, die Davids Lebensweg durchziehen. Der Gegenpol zu ihm ist Giles Hadlow, ein ehemaliger Schulgegner, der später als konservativer Politiker und Brexitfan eine immer radikalere Haltung einnimmt. Obwohl Dave und Giles ähnliche Bildungswege teilen, entwickeln sich ihre Biografien in entgegengesetzte Richtungen. Dadurch entsteht ein spannender Kontrast zwischen einer offenen, künstlerisch geprägten Lebensweise und einem zunehmend verschlossenen, nationalistischen Weltbild. Giles erinnerte mich oft an Boris Johnson. Wesentlich für den Roman ist auch die innige Beziehung zwischen Dave und seiner Mutter, die als emotionaler Anker fungiert und zeigt, wie familiäre Bindungen trotz gesellschaftlicher Hürden Stabilität geben können. Gleichzeitig verknüpft Hollinghurst Daves persönliche Erfahrungen mit größeren historischen und kulturellen Entwicklungen, etwa der britischen Kolonialgeschichte, queerer Emanzipation und den politischen Spannungen der jüngeren Vergangenheit. Hollinghurst besticht durch eine sensible Sprache und ein feines Gespür für atmosphärische Details. Wer Hollinghurst noch nicht gelesen hat, sollte dies unbedingt tun. Kaum ein anderer Autor versteht es so gut, individuelle Lebensgeschichten mit gesellschaftlichen Fragen zu verweben und dabei eine so eindringliche erzählerische Eleganz zu bewahren.
10. Apr.Apr 10, 2026
Unsere Abendeby Alan HollinghurstAlbino Verlag, Salzgeber Buchverlage GmbH
