12. Mai
Sternebewertung fiktiv

Sternebewertung fiktiv

True Crime begleitet mich schon sehr lange. Podcasts, Dokumentationen, Gerichtsreportagen, besonders Zeit Verbrechen mit Sabine Rückert höre ich unglaublich gerne. Deshalb war für mich sofort klar, dass ich Prager Verbrechen von Egon Erwin Kisch lesen möchte. Und eigentlich beschreibt dieses Buch perfekt, warum ich solche Literatur mag: Es geht hier nicht nur um die eigentlichen Fälle, sondern vor allem um die Menschen dahinter und den Blick des Autors auf seine Zeit. Ein buntes Gesellschaftskolorit der Zeiten 1907 bis circa 1940. Egon Erwin Kisch war damals das, was Sabine Rückert heute für viele ist: ein Gerichtsreporter mit einer außergewöhnlichen Beobachtungsgabe. Während man die Fälle liest, bekommt man gleichzeitig ein Bild vom damaligen Prag vermittelt und man liest auch den politischen Wandel. Genau das fand ich eigentlich spannender als manche Fälle selbst. Und das muss man vielleicht auch wissen, bevor man zu diesem Buch greift. Der Fokus liegt für mich weniger auf klassischen spektakulären True-Crime-Fällen, sondern viel stärker auf Kisch selbst, seiner Art zu beobachten und zu erzählen. Manche Geschichten konnten mich deshalb nicht vollständig erreichen oder emotional packen. Nicht jeder Fall blieb hängen, obwohl hier nach an echten Verbrechen berichtet wird. Trotzdem habe ich das Buch sehr gerne gelesen, weil man merkt, wie modern Kisch in vielen Gedanken eigentlich war. Seine Texte wirken oft eher wie literarische Reportagen als klassische Berichte. Gerade die gesellschaftlichen Beobachtungen fand ich stellenweise deutlich interessanter als die eigentliche Tat. Und optisch ist dieses Buch wirklich ein Highlight. Die Gestaltung der Ausgabe aus Die Andere Bibliothek ist außergewöhnlich schön gelungen. Die Illustrationen, Steckbriefe und die gesamte Aufmachung wirken fast wie eine historische Ermittlungsakte. Für Menschen, die schöne Buchgestaltung lieben, ist das definitiv etwas Besonderes. Für mich also weniger ein klassisches True-Crime-Buch voller Spannung, sondern eher eine atmosphärische literarische Reise durch die damalige Zeit, erzählt von einem Autor, der Menschen und ihre Abgründe unglaublich genau beobachten konnte.

Prager Verbrechen
Prager Verbrechenby Egon Erwin KischAB - Die Andere Bibliothek
12. Mai
Rating:3.5

»Wer Kriminalreportagen schreibt (oder liest), interessiert sich für die Verhältnisse im Land.«

»Wer Kriminalreportagen schreibt (oder liest), interessiert sich für die Verhältnisse im Land. Im Verbrechen – oder was dafür gehalten beziehungsweise nicht gehalten wird – spiegelt sich die Befindlichkeit einer ganzen Nation.« Mit den Reportagen des „rasenden Reporters“ Egon Erwin Kisch begeben wir Lesenden uns mitten ins Geschehen. Sei es ein Besuch bei einem Henker, eines Gefängnisses oder in die Komplexität einzelner Kriminalfälle und deren Umstände. Egon Erwin Kisch berichtet nicht immer gemäß der Faktenlage, sondern lässt sich vielmehr literarischen Spielraum. Auch journalistische Neutralität sucht man in seinen Reportagen vergeblich. Dafür beweist er eine klare Haltung gegenüber jeglicher sozialer Ungerechtigkeit und begibt sich dorthin, wo es unbequem ist statt mit Abstand zum eigentlichen Geschehen Bericht zu erstatten. Anstelle loser Aneinanderreihung der Begebenheiten, werden die Reportagen literarisch ausgeschmückt. Ihnen wird Lebendigkeit eingehaucht. Das führt dazu, dass die insgesamt 19 Texte vielseitig daherkommen und sich jeder auf seine Weise von den anderen unterscheidet. Das Vorwort von Sabine Rückert ist dabei unverzichtbar, da es sowohl den „rasenden Reporter“ als auch dessen Reportagen in einen Kontext einordnet, der einem sonst – zumindest bereits vor der Lektüre – verwehrt geblieben wäre. Nach anfänglicher Begeisterung aufgrund sehr starker Texte zu Beginn, konnten mich einige der weiteren nicht abholen und ich empfand diese als etwas zu lang und zu ausschweifend, während andere meinem Geschmack nach gerne umfangreicher hätten sein können.

Prager Verbrechen
Prager Verbrechenby Egon Erwin KischAB - Die Andere Bibliothek