Als wäre mein Gast in einem Café
Ich glaube, dass es heutzutage viel problematischer ist, die Schwelle von den 20er zu den 30er Jahren zu nehmen. Frauen wird bewusster, welche Änderungen ihr Leben bestimmen werden, wenn sie sich für ein Kind entscheiden. Das war vor 40 Jahren sehr viel leichter, weil die Option alleine zu bleiben immer etwas von „Versagen“ hatte und man schon alleine deswegen oft danach strebte, Ehefrau und Mutter zu werden. Heute haben das Frauen nicht mehr nötig. Die namenlose ICH - Erzählerin beschäftigt sich intensiv mit dem Gedanken, welchen Weg sie einschlagen möchte. Es steht überhaupt nicht zur Disposition Mutter zu werden, denn ein Partner, der potentiell Vater wäre, ist in ihrem Leben gar nicht vorhanden. Trotzdem setzt sie sich mit sich selbst auseinander. Wie wäre sie als Mutter? Sie richtet die Sprache an ihr ungezeugtes Kind und befragt sich selbst nach ihren Wünschen. Sie arbeitet in einem Café, und wie Miniaturen tauchen Ausschnitte vor uns auf, von Gästen und deren Bedürfnissen. Ab und an bekommen wir Einblicke in die Familie der Erzählerin und wissen bald, dass ihre Schwester scheinbar das perfekte Leben führt. Dann steht diese plötzlich vor ihrer Haustür. Wie kleine Polaroids reiht sich hier Bild um Bild aneinander. Die Arbeit im Café wird sehr nahbar geschildert. Man kann den Kaffeeduft riechen, den Kuchen schmecken und auch das Sonnenlicht, das durch die Fensterscheiben scheint und auf die Tische fällt ist deutlich zu sehen und zu spüren. Die Autorin schafft es mit ihrer literarischen Stärke die Erzählstimme reduziert sprechen und sich dabei eine fast filmhafte Atmosphäre entwickeln zu lassen. Ruhig, aber mit unglaublicher Kraft entspinnt sich vor unseren Augen der Lebensabschnitt einer Protagonistin, die schwankt und nicht genau weiß, in welche Richtung sie gehen soll. Sehr deutlich wird hier gezeigt, was es bedeutet, heutzutage eine Mutter zu sein, die ein gutes Leben führen möchte, und die merkt, dass sie allein gelassen wird. Um die Arbeitgeberin der ICH-Erzählerin rankt sich etwas Geheimnisvolles, das neugierig macht. Dass am Ende nicht alles auserzählt ist, hat mich überhaupt nicht gestört. Die kurzen Textabschnitte waren leicht zugänglich. Ich hab gerne zu diesem Buch gegriffen und gemerkt, wie es mich runterholen kann, fast so, als wäre ich ein Gast im Café, der vielleicht ein bisschen mehr weiß, als die anderen und eingeladen wurde, zuzuschauen. Ich empfehle diesen Text allen die Bücher mögen, die mit leisen Tönen große Kraft entfalten und eine einladende Atmosphäre erzeugen.


