8. Nov.
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Rating:4

FURCHEN UND DELLEN Ela Meyer Chris kehrt heim, weil ihr exzentrischer Großvater im Sterben liegt. Seit vielen Jahren war sie nicht mehr zu Hause gewesen, hatte den Ort bewusst gemieden. Zu viele Beleidigungen und entwürdigende Herabsetzungen waren von ihrem Großvater ausgegangen. Doch es gab noch einen weiteren Grund, der sie davon abhielt, das kleine Dorf zu besuchen. Damals lebte sie in einer WG. Die queere Doro war seit der Kindheit ihre beste Freundin gewesen; es war selbstverständlich, dass sie zusammenzogen. Antonia kam erst später dazu, aber die drei verstanden sich blendend. Unter ihnen wohnte Rafa, ein Freund, der beruflich viel reiste, aber wenn er zu Hause war, gehörte er fest zur Gruppe. Alles änderte sich, als Doro plötzlich den Wunsch nach einem Kind äußerte. Alle gemeinsam sollten das Kind großziehen – mit gleichen Rechten und Pflichten. Für Chris, die selbst nie einen Kinderwunsch hatte, war das eine unerträgliche Vorstellung. Kurzerhand zog sie von einem Tag auf den anderen aus und brach den Kontakt zu ihren Freunden vollständig ab. Nun muss Chris sich ihrer Vergangenheit stellen und erkennt zum ersten Mal, dass auch ihr eigenes Verhalten nicht immer richtig war. Das Buch liest sich flüssig, der Schreibstil ist angenehm. Besonders gefallen haben mir die zahlreichen Reflexionen der Figuren und die detaillierten Beschreibungen der Protagonisten. Der furchteinflößende Großvater bleibt noch Tage nach dem Lesen im Gedächtnis – seine rigide Erziehung ließ mir beim Lesen die Nackenhaare hochstehen. Auch die Entwicklung von Chris zu einer einfühlsameren Person hat mich berührt. Es ist eine Geschichte über Freundschaft, Vergebung und die Chance auf einen Neuanfang. Ein sehr einfühlsames Buch. Gerne spreche ich eine Leseempfehlung für alle aus, die emotionalen Geschichten mögen. 4/5

Furchen und Dellen
Furchen und Dellenby Ela MeyerGOYA
27. Okt.
Rating:4

Verschiedene Bedeutungen von Familie

„Furchen und Dellen” von Ela Meyer ist ein Roman, der sich insgesamt um viele Facetten der Thematik Familie dreht und diese gegenüberstellt, wie beispielsweise Herkunfts- und Wahlfamilie oder Familienplanung und gewollte Kinderlosigkeit. Aber auch das individuelle Erleben des Frau-Seins in einer patriarchal geprägten Gesellschaft, das Miteinander in verschiedenen zwischenmenschlichen Beziehungen und familiäre Prägungen und Traumata werden durch die Protagonistin Chris thematisiert. Chris wird nach dem Tod ihres Großvaters mit ihrem früheren Leben konfrontiert, welches sie vor sieben Jahren hinter sich gelassen hat. Damit sie sich um die Auflösung seines Haushalts kümmern kann, kehrt sie für einige Zeit in ihr Elternhaus zurück. Gefangen zwischen den Erinnerungen an die Vergangenheit und einem hoffnungsvollen Blick, zerbrochene Verbindungen wiederherzustellen, lernt Chris, sich von ihren Wurzeln abzugrenzen und über ihre Prägungen hinauszuwachsen. Das Buch greift insgesamt viele Themen auf, die für die lesende Person möglicherweise überfordernd sein könnten, ich fand dies aber sehr authentisch. Nicht zuletzt, da ich mich auch in vielen dieser Punkte wiederfinden konnte. Die Geschichte wirkte für mich dadurch wie ein Blick auf ein reales Leben, in welchem auch verschiedene Themen aufeinanderprallen und wovon eine Person auch mal überladen sein kann. Da Chris mir als Protagonistin mit ihrer Lebensrealität und Vergangenheit häufig sehr nah war, fand ich das Buch durchaus emotional und ich musste immer wieder Pausen und Abstand vom Text nehmen, um die Geschehnisse zu verarbeiten. Insgesamt würde ich die Erzählweise aber eher als nüchtern, wenn auch ausführlich, bezeichnen. Der Schreibstil schwankt stellenweise zwischen poetischen Andeutungen und klaren Feststellungen, was mir sehr zugesagt und Tiefe erzeugt hat. Lediglich das Ende war mir im Gegensatz zu den feministischen Thematiken und immer wieder hochkochenden Emotionen zu harmonisch und hat mich etwas enttäuscht. Trotzdem ist „Furchen und Dellen” ein lesenswertes Werk mit vielen wichtigen Themen. Von mir eine Empfehlung.

Furchen und Dellen
Furchen und Dellenby Ela MeyerGOYA
14. Sept.
Rating:3.5

S.7 „Die Welt ohne ihn würde weniger wiegen für mich, würde leichter sein.“ Chris, eine Frau Mitte 40 und in den Wechseljahren, kehrt in ihre Heimatstadt zurück, um sich von ihrem im Sterben liegenden Opa zu verabschieden. Schnell merke ich, dass das Verhältnis zum Opa ambivalent ist. Einerseits scheint Bewunderung für ihn vorhanden zu sein und andererseits war der Großvater ein sehr jähzorniger Mensch. Die Rückkehr in die Kleinstadt ist nicht einfach für Chris, da sie vor Jahren fluchtartig die Stadt verlassen hat, nachdem ihre langjährige Freundin Doro sich ihren Kinderwunsch erfüllen wollte und Chris zusammen mit den Freund*innen Antonia und Rafa in die Erziehung einbinden wollte. Chris bleibt eine längere Zeit in der Kleinstadt, um das Haus des Opas zu entrümpeln und kommt sich selbst dabei näher. Das Buch hat wirklich sehr gut angefangen. Nicht nur der Schreibstil, der wirklich locker zu lesen ist, hat mich schnell in die Geschichte geworfen, sondern auch die Tatsache, dass ich tief in die Gedanken und Erinnerungen der Protagonistin eintauchen durfte. Dadurch hab ich mich ihr sehr nah gefühlt und die Emotionen direkt mitbekommen. Nach und nach schält sich alles von Chris ab und ich scheine in ihren inneren Kern zu gelangen, verstehe, warum sie vor Jahren geflüchtet ist, versteh ihre Selbstzweifel, den Struggle mit dem Alter und verstehe, warum sie sich gegen Kinder entschieden hat. Aber ab der zweiten Hälfte biegt die Geschichte für mich plötzlich in eine andere Richtung ab. Grundsätzlich hab ich kein Problem damit, wenn Kinder und Familie mehr im Mittelpunkt stehen, da ich ja selbst Kinder habe, jedoch hatte ich hier mit was anderem gerechnet. Wahrscheinlich waren meine Erwartungen andere und deswegen hab ich die zweite Hälfte nicht mehr so geschmeidig und passend empfunden. Ich hätte lieber eine Protagonistin gehabt, die immer noch klar und deutlich zu ihrem „Nein“ zu Kindern steht und trotzdem eine liebevolle Tante sein kann. Auch hätte ich gern mehr über Chris und ihrer Beziehung zur Mutter und ihrem Großvater erfahren, da ich hier vieles entdeckt habe, was genauer betrachtet werden könnte. Im Gegenzug dazu wurden mir andere Themen zu viel zu genau erklärt. Ich lese gerne zwischen den Zeilen und denke selbst darüber nach. Trotz den Kritikpunkten hab ich es im Ganzen gern gelesen, da hier viele berührende Szenen und tolle Worte zu lesen waren. S.27 „An manchen Tagen freute ich mich über unsere Ähnlichkeit, verschaffte sie mir doch ein Gefühl der Zugehörigkeit. Aber häufiger wünschte ich mir, als unbeschriebnes Blatt auf die Welt getrudelt zu sein, frei von Vorfahren und Vorgeschichten, von Vergleichen, Prägungen und Familienmuff.“ S.73 „ Mascha lachte, legte ihr Handy zur Seite und drängte sich an ihrem Vater vorbei zu ihrer Oma, um sie in den Arm zu nehmen. Zu gern hätte ich meine Mutter mit derselben Selbstverständlichkeit umarmt, doch erst der Generationssprung machte die Berührung leichter."

Furchen und Dellen
Furchen und Dellenby Ela MeyerGOYA