3,5 ⭐️ Für mich hat es das Ende raus gerissen. Das Buch zog sich insgesamt sehr und ich musste leider öfters überlegen, ob ich es abbrechen soll. Ich habe mich doch entschieden, weiter zu lesen und bin etwas versöhnlicher, da mir das Buch zum Ende hin besser gefiel . Wir begleiten Iris , 45 Jahre alt, Mutter zweier größeren Kinder, Ehefrau und als Schuldirektorin tätig. Nach 30 Jahren trifft sie ihre große Liebe Eitan wieder und damit entfaltet sich ihre Vergangenheit wieder vor ihr. Dieses Treffen hat Einfluss auf die Gegenwart und schlägt Brücken zu einer möglichen Zukunft. Für mich blieb ihre Jugendliebe irgendwie blass und nicht sehr nahbar…. Aber vlt. war das auch so gewollt…. Ein Schatten aus der Vergangenheit…… Iris überlebt ein Attentat und hat seitdem mit den Nachwirkungen zu kämpfen. Aber natürlich wurde auch ihre ganze Familie davon beeinflusst und jedes Familienmitglied kämpft auf seine Weise; geht unterschiedlich mit dem Schmerz, Selbstvorwürfen um. Es ist eine Geschichte, die sich mit alten Wunden, Verlust, Familie , Kampfgeist, Liebe, Ehe und dem Frausein beschäftigt aber auch damit, wie wichtig es ist, nicht in der Vergangenheit zu leben und diese zu romantisieren, ihr nachzutrauern , den Blick für die Gegenwart zu verlieren und dankbar zu sein, für das, was man hat . Oftmals erschien mir Iris zu egoistisch und naiv. Ich empfand sie eine ganz lange Zeit als unsympathisch und undankbar. Sie hat sich teilweise wie ein Teenager verhalten und damit alles aufs Spiel gesetzt. Aber manchmal ist es auch realistisch, denn öfters fühlt man sich einfach wankelmütig, möchte sich wieder frei von Verantwortung und Problemen fühlen und wieder so leben und lieben, wie mit 17, 18 oder 19…. Aber sehr häufig ist es dann eine Flucht aus der Realität , aus der man sich in leichtere , beschwingtere Lebensphasen zurück träumt. Und dann braucht es vlt. einen kleinen „ Tritt“ damit man zurückkehrt und entdeckt, was die Gegenwart zu bieten hat. ♥️
Zeruya Shalev schreibt mit »Schmerz« einen Familienroman, der das Familiäre hinter sich lässt und neue Dimensionen annimmt. Sie schreibt die Geschichte einer Mutter, einer Frau, die versucht ihrer Rolle in beidem gerecht zu werden. Der schmale Spagat zwischen den Verpflichtungen gegenüber der Familie, gegenüber ihrem Mann und ihren Kindern und zwischen ihrem Verlangen als Frau, dem Wunsch nach wahrer Liebe, den Wunsch, alles hinter sich zu lassen und neu zu beginnen, dieser Spagat reißt sie entzwei. Die Brücke zwischen ihr und ihrer Familie bröckelt, bekommt Risse. Zurück bleibt ein Scherbenhaufen, ein Trümmerfeld. Eine wüste Brache wo einst das gemeinsame Fundament stand. Und doch hat sie nach wie vor die Fäden in der Hand. Nur muss sie sich entscheiden. Eine Entscheidung, bei der sie und ihre Familie nicht gemeinsam gewinnen können. Es ist ein sprachlicher Genuss Shalev zu lesen. Obwohl fehlende Sichtbarmachung direkter Reden und Gedanken ein kleines Hindernis beim Lesen darstellen, lässt sich dieses durch ihre detaillierte und ausgewählte Wortwahl aushalten. Zwischendurch etwas zu detailliert, im Gesamten aber gut abgewogen. Was bleibt ist die Emotionalität, die Eindringlichkeit. Der Finger in der Wunde der Frage: Was darf Familie? Was darf eine Mutter? Welches Glück wiegt schwerer? Ihres, oder das ihrer Kinder? Diese Frage wird mit dem Konflikt um ihre Tochter auf eine Spitze getrieben. Es ist spannend bis zum letzten Satz. Auch wenn das Ende recht offen ist, bleibt doch ein warmes Gefühl in der Magengegend zurück. Ein frohes »Sie werden es schaffen«. Und man bleibt mit dieser Zuversicht allein. Es war eine Reise in die Psyche einer Mutter, die dem Zerreißen näher und näher kam. Eine Frau, die komplex wie das Leben ist und die zu schnell feststellt, dass es mit jeder Entscheidung stets Verlierende geben wird. Es ist der Roman vieler Familien, vieler Frauen, vieler Väter und vieler Kinder. Ausgereift und raffiniert geschrieben. Ein wirklich gutes Buch.

