Kein Buch für nebenbei
Das Buch handelt von Dr. Max Aue, welcher im Sinne der Nationalsozialisten an diversen historischen Momenten als SS-Mann bzw SD dieser Zeit anwesend ist - dies bildet auch den roten Faden des Buches. Littell hat Die Wohlgesinnten so konstruiert: Er zwingt uns, rund 1400 Seiten lang im Kopf eines Täters zu leben, damit wir spüren, wie sich die Vernunft langsam auflöst, wenn man sie für das Unmenschliche missbraucht. Auch wenn es keinen tieferen Sinn im Mord gibt, liegt der Sinn der Lektüre vielleicht darin: Zu verstehen, wie Sprache und Philosophie missbraucht werden können, um das Gewissen auszuschalten. Zu erkennen, dass die Täter keine „Monster mit Hörnern“ waren, sondern oft hochgebildete Menschen, die sich ihre Taten mit Kant oder Hegel zurechtgebogen haben. Sich der Tatsache zu stellen, dass „Zivilisation“ eine sehr dünne Schicht ist, die reißen kann, wenn wir aufhören, unser Handeln kritisch zu hinterfragen. Ich bin nachhaltig erstaunt darüber, wie es dem Autor gelingt, über so viele Seiten (und historische Jahre und Figuren) hinweg, so detailliert recherchieren und dies in einem doch so fesselnden Buch zusammenfassen zu können. Auf der anderen Seite führte dies jedoch auch zu Ermüdungserscheinungen, wenn sich rund 50-70 Seiten über ein Thema innerhalb der zuständigen Stellen diskutiert wird (der Inhalt ist nichtsdestotrotz erschreckend und davon losgelöst). Aber genau dies ist der Sinn des Buches, es soll den Leser mürbe machen, ihn Zeit und Maß vergessen lassen. Diese hunderte Seiten langen Diskussionen dienten dazu, die Tat von der Emotion zu trennen. Es war eine rein administrative Aufgabe, fast wie eine Steuererklärung oder ein Bauantrag. Das macht es so monströs: Der Mord wird zu einem Verwaltungsakt. Das ganze Buch ist unbeschreiblich in seiner Genauigkeit zur Beschreibung dieses bürokratischen Massenmordes und der Autor schafft eine Ebene, die es ermöglicht, sich ausgesprochen gut mit den Charakteren auseinander zu setzen und ihre Beweggründe aufzuzeigen (definitiv nicht zu verstehen). Und gleichzeitig erkennt man die Psychologie hinter dem ganzen System und dem Denken der Protagonisten




