24. März
Rating:3

Gemischte Gefühle mit etwas Bauchschmerzen

Zugegebenermaßen bin ich noch unentschlossen, wie ich dieses Buch bewerten soll. Angesichts der Tatsache, dass immer noch (!) so wenig bekannt ist über das breite Wirkungsfeld hormoneller Verhütung, ist dieses Buch sicherlich ein wertvoller Beitrag, um Anwenderinnen von Pille und Co. niedrigschwellig, da leicht verständlich, aufzuklären. Es ist eine Mischung aus Sachbuch und persönlichen Erfahrungsberichten der Autorin und anderer Frauen. Beginnend bei der Geschichte der Pille über Aufklärung über Zyklus und Wirkweise der Hormone bis hin zu Kritikpunkten an der gynäkologischen Versorgungssituation in Deutschland ist Morelli ein kompakter und gut zu lesender Rundumschlag zu der komplexen Thematik gelungen. ABER. Es gibt ein riesengroßes „Aber“. Alleine schon der reißerische Zusatz auf dem Cover: „Die ganze Wahrheit in diesem Buch“ (unter dem minimal weniger reißerischem Untertitel „Was dir keiner über die Antibabypille erzählt“) bewirkt, dass sich mir die Nackenhaare aufstellen. Vorsicht ist immer da geboten, wenn von „Wahrheit“ gesprochen wird und im gleichen Atemzug medizinische Sachverhalte erklärt und Studien zitiert werden. Zumal von „ganzer Wahrheit“ keineswegs die Rede sein kann, da die Pillen-Forschung in den Kinderschuhen steckt und selbst Wissenschaftler:innen vieles noch nicht wissen und erklären können.. Für mich erhält das Buch dadurch einen unschönen Verschwörungstheoretiker-Beigeschmack, der echt nicht nötig gewesen wäre. Die Inhalte sind ok, jedoch ist der gesamte Tone etwas stark in eine Panikschiene geraten. Dass die Pille viele Nebenwirkungen mit sich bringen KANN, liegt auf der Hand. Ob das eine so einseitige Darstellung rechtfertigt, ist eine andere Frage. Am Ende stellt Morelli die - in meinen Augen doch ziemlich antifeministische - Behauptung auf, Frauen seien, was Verhütung angeht, in der Hauptverantwortung. An diesem Punkt habe ich mich mental fast schon komplett ausgeloggt, da es aber nur noch 3-4 Seiten zu lesen waren, konnte ich mich durchringen. Sie ist etwas zurückgerudert, nur um dann randomly einzuwerfen, wie schrecklich ungewollte Vaterschaft wohl für Männer sein müsse. Naja. Kein feministisches Wunderwerk, dieses Buch, aber auch keine Katastrophe. Schlussfazit: Gut geeignet, um eine kompakte und zugleich umfangreiche Übersicht über die Thematik zu erhalten, wenn man im Hinterkopf behält, dass die Autorin eine sehr gut informierte Betroffene und Gesundheitsberaterin ist, aber eben keine Wissenschaftlerin. Ängstlichen Frauen, die die Pille nehmen, würde ich davon abraten, da beim Lesen noch paar Ängste dazukommen könnten. Wer eine sachlichere und neutralere Übersicht möchte, dem empfehle ich „Wie uns die Pille verändert“ von Sarah E. Hill

Kleine Pille, große Folgen
Kleine Pille, große Folgenby Isabel Morellischolo Verlag