8. Jan.
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Rating:4.5

Lore und Esi sind beste Freundinnen seit Studienzeiten, eigentlich. Trotz oder gerade wegen ihrer krassen Gegensätze, denn die verbinden sie. Auf ihre eigenen Weisen verstoßen nämlich beide Frauen gegen gesellschaftliche Konventionen und die Erwartungen an Frauen. Lore, weil sie sich auch mit Ende 30 fehl am Platz fühlt zwischen kinderhabenden Freundinnen, weil sie seit ihrer Jugend viel und häufig Sex hat und sich nicht monogam binden will und kann und dafür von den Männern mit denen sie schläft ebenso wie von Frauen Beleidigungen um die Ohren gehauen bekommt. Esi, weil sie zwar eigentlich Familie und Kind(er) will, aber asexuell ist, ihrem Mann also zwar Monogamie bieten kann, aber für jede se*uelle Intimität massiv über ihre Grenzen geht. Und dann wird Lore schwanger, verliert das Kind – und hintergeht ihre beste Freundin Esi, indem sie mit deren Mann schläft, der es genau darauf anlegt, weil er Lore ja schließlich als leicht zu haben wahrnimmt. Während Esi heimlich froh über die Fehlgeburt ist, da sie ja selbst gerne schwanger wäre. Das ist so grob der Plot, den Sonja Weichand in "Die größte Erfüllung" (Reziexemplar) aufspannt und mich hat sie damit sehr gepackt. Denn wir springen mit beiden sehr differenziert und komplex gezeichneten Figuren durch die Zeiten, beginnend bei der Zählung nach Tag X, aber dann auch erweitert um diverse Zeitsprünge in die Vergangenheit. Dadurch konnte ich das Buch teilweise kaum aus der Hand legen, weil ich unbedingt wissen wollte wie es weitergeht. Ob die beiden sich zusammenraufen oder eine von beiden den Kampf um den (zunehmend unsympatischer werdenden) Typen für sich entscheidet (und ob man sich dann wirklich auch noch für sie freuen würde???). Es geht im Buch um weibliche Sexualität, darum wie diese gesellschaftlich sanktioniert wird, wenn sie Grenzen nach oben oder unten überschreitet, es geht um die Hinterfragung der heterosexuellen monogamen Kleinfamilie, um bewusste Entscheidungen gegen Männer, um Freundinnenschaft. Aber jenseits schwarz-weißer Polarisierung oder Essentialismen, sondern sehr queer und voller Grautöne. Und damit fordert die Autorin möglicherweise auch Leser*innengewohnheiten heraus, denn Lore betrügt ihre Freundin, ist dabei trotzdem menschlich, Esi hat Gedanken, die man moralisch schwierig finden kann, aber so sind wir Menschen halt. Möglicherweise ist das auch ein Grund, warum das Buch im Selfpublishing erschienen ist. Denn Sonja Weichand berichtete in ihren Stories mal von den Rückmeldungen, die sie als erfahrene Autorin zu diesem Buch von renommierten Verlagen bekam und ja nungut, ich würde sagen, die Verlage sind echt dann auch selbst schuld. Das ist nicht ihr erstes selbst verlegtes Buch, aber es zeigt, dass es sich doch lohnt, manchmal auch in diesem Bereich nach Schätzen Ausschau zu halten. Ich bin jedenfalls sehr froh, dieses Buch gelesen zu haben. Man erfährt nämlich nicht nur viel über Asexualität, gewollte und ungewollte Kinderlosigkeit und Polyamorie, sondern kann vor allem mit beiden sehr plastischen Figuren mitspüren, den Konflikt miterleben, sich daran herausfordern, eigene Vorurteile und Klischees hinterfragen. "Die größte Erfüllung" erschien am 24.11. und von mir gibts definitiv eine Empfehlung. #lesetipp #lesenswert #rezension #ausgeles

Die größte Erfüllung
Die größte Erfüllungby Sonja WeichandBoD – Books on Demand
22. Dez.
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„Die größte Erfüllung“ ist ein Roman, der wehtut, weil er so klarsichtig ist – und der befreit, weil er dorthin schaut, wo gesellschaftliche Erwartungen, weibliche Sexualität und persönliche Sehnsüchte unweigerlich aufeinanderprallen. Mit scharfem Witz, viel Empathie und einem durchgehend unerschrockenen Blick erzählt die Autorin die Geschichte zweier Frauen, die sich gerade in ihrem Anderssein finden – und daran beinahe zerbrechen. Lore und Esi begegnen sich Anfang zwanzig, beide auf ihre ganz eigene Weise außer Takt mit dem, was Frauen „normalerweise“ sein sollen. Lore hadert mit der Monogamie, sucht Nähe, ohne sich festlegen zu wollen. Esi dagegen würde sich am liebsten aus der Sexualität herauslösen – sie empfindet Sex als etwas, das sie eher erträgt als möchte, weigert sich aber lange, dieses Gefühl einzuordnen. Ihr Kennenlernen wird zu einem Rettungsanker: zwei junge Frauen, die nicht in die üblichen Schablonen passen, finden einen Ort, an dem sie einfach sein dürfen. Doch mit Ende dreißig bricht das Leben ihre fragile Ordnung auf. Esi wünscht sich eine Familie – ausgerechnet Lore wird ungewollt schwanger. Doch als Lore das Kind verliert, taumelt sie in eine destruktive Spirale aus Schmerz und Selbstschutz, und plötzlich stehen zwei Frauen, die so viel füreinander waren, als Konkurrentinnen da. Um einen Mann. Um Nähe. Um etwas, das sie bei allem Gegensatz vielleicht beide suchen: Erfüllung. Jede auf ihre Weise. Was diesen Roman besonders macht, ist seine mutige, fast zärtliche Aufrichtigkeit. Er zeigt nicht nur, wie unterschiedlich Begehren aussehen kann, sondern auch, wie groß der gesellschaftliche Druck ist, funktionierende Narrative zu liefern: Lust haben, aber nicht zu viel. Kinder wollen, aber bitte zur richtigen Zeit. Begehren zeigen, aber nicht anders als vorgesehen. Das Buch entlarvt diese Erwartungen ohne moralische Zeigefinger und ohne Schwarzweißdenken. Vor allem aber: Seine Figuren sind lebendig, unperfekt, komplex. Lore und Esi sind keine Symbole für Sexualitätsmodelle, sie sind Frauen mit Brüchen, blinden Flecken, Sehnsüchten und Fehltritten. Ihr Ringen miteinander und mit sich selbst ist mal wütend, mal komisch, mal herzzerreißend – oft alles gleichzeitig. Der Roman gelingt dort, wo viele Bücher über Sexualität scheitern: Er erklärt nicht, er zeigt. Er belehrt nicht, er erzählt. Und er verhandelt Asexualität und Polyamorie auf eine Weise, die nicht exotisiert, sondern normalisiert. Wer wenig darüber weiß, wird nach Lektüre anders über Beziehungen, Intimität und gesellschaftliche Erwartungen nachdenken. „Die größte Erfüllung“ ist ein kluger, verletzlicher und zugleich humorvoller Gesellschaftsroman, der mutig fragt, was Frauen heute dürfen – und warum sie es immer noch nicht dürfen. Ein Roman, der lange nachhallt und Gesprächsbedarf erzeugt.

Die größte Erfüllung
Die größte Erfüllungby Sonja WeichandBoD – Books on Demand