
Fakten statt Figuren & warum mir der Zugang zu diesem Thriller schwerfiel…
Nuklear von J.F. Bernhard ist ein politischer Thriller, der sich mit einem hochbrisanten und gleichzeitig beängstigend realistischen Szenario auseinandersetzt. Im Zentrum des Geschehens steht die eskalierende Bedrohung durch einen möglichen Atomkrieg, ausgelöst durch eine Reihe internationaler Spannungen, verdeckter Operationen und politischer Fehlentscheidungen. Verschiedene Perspektiven aus Politik, Militär und Geheimdiensten werden miteinander verwoben, von Washington über Moskau bis in den Nahen Osten. Die Handlung springt zwischen zahlreichen Figuren und Schauplätzen hin und her und vermittelt dadurch ein breites Bild der globalen politischen Dynamiken. Der Autor schafft es dabei, reale geopolitische Entwicklungen mit fiktiven, aber erschreckend glaubwürdigen Elementen zu verknüpfen. Es entsteht ein bedrückendes Bild davon, wie schnell die Weltordnung aus dem Gleichgewicht geraten kann, wenn politische Interessen und persönliche Machtspiele ineinandergreifen. Für sein erstes Werk hat der Autor ein wirklich realitätsnahes und gut recherchiertes Buch geschaffen. Der Schreibstil ist angenehm, sachlich und klar strukturiert. Besonders die kurzen Kapitel sorgen dafür, dass man dem Geschehen trotz der vielen Handlungsebenen gut folgen kann. Inhaltlich erinnert das Buch jedoch stellenweise eher an einen Tatsachenbericht als an einen Thriller. Die Figuren wirken meist distanziert, beinahe anonym, emotionale Tiefe oder persönliche Nähe sucht man oft vergeblich. Das liegt sicherlich auch daran, dass es sehr viele Personen und parallele Handlungsstränge gibt, was es schwer macht, sich wirklich auf einzelne Charaktere einzulassen oder mit ihnen mitzufühlen. Dadurch bleibt man als Leserin oft eher Beobachterin als Teil der Geschichte. Was das Buch aber dennoch auszeichnet, ist die erschreckende politische Realität, die darin verarbeitet wird. Die dargestellten Zusammenhänge wirken zu keinem Zeitpunkt überzogen oder unglaubwürdig, eher im Gegenteil. Viele Szenen erinnern an echte Nachrichtenberichte oder vertraute politische Entwicklungen. Genau das macht Nuklear auch so eindrucksvoll. Zwar musste ich mich gerade in den ersten 200 Seiten sehr anstrengen, um dranzubleiben, mir fehlten dort deutlich Spannung und persönliche Geschichten, aber im letzten Drittel baut sich eine gewisse Sogwirkung auf. Man möchte wissen, wie es weitergeht, und vor allem, ob sich die drohende Katastrophe noch abwenden lässt. Mein Fazit: Für Leser*innen mit großem Interesse für internationale Politik und realitätsnahe Krisenszenarien ist Nuklear sicher ein spannendes und lohnenswertes Buch. Für mich persönlich war es stellenweise etwas zu nüchtern und gefühllos erzählt, was mir das Eintauchen in die Handlung erschwert hat. Trotzdem ist es gelungener Debütroman.
