
Zwischen Abendbrot und Abgrund — eine Liebeserklärung
In diesem Buch steckt so viel sehnsüchtige Lust am Verstehen, dass man es kaum aus der Hand legen will. Thea Dorn und Richard Wagner nehmen Deutschland wie ein altes Sofa auseinander: an manchen Stellen gemütlich, an anderen knitterig, aber nie langweilig. Statt toter Analyse gibt es hier lebendige Anekdoten, scharfe Beobachtungen und diese angenehme Mischung aus Naserümpfen und nostalgischem Grinsen. Da wird „Abendbrot“ plötzlich zur kulturgeschichtlichen Mini-Oper, und „Wanderlust“ klingt nicht mehr nur nach Instagram-Filter, sondern nach einer echten inneren Unruhe — schön und ein bisschen schmerzhaft zugleich. Die Kapitel sind kurz genug zum Hineinspringen, klug genug, um hängen zu bleiben. Besonders gut: die Balance zwischen kritischer Distanz und persönlicher Wärme. Kein fanatisches Herumführen am Zeigefinger, sondern ein respektvolles Hinsehen, das auch die hässlichen Ecken nicht ausspart. Die Abbildungen setzen dem Text das Sahnehäubchen auf — großartige Auswahl, die überrascht und ergänzt, statt nur zu schmücken. Wer erwartet, hier käme ein konservatives Plädoyer für „typisch deutsch“, wird überrascht. Wer hofft, erste Hilfe zur Versöhnung mit dem eigenen Land zu finden, wird oft getröstet. Man spürt beim Lesen die Neugier der Autoren — und die bringt mehr zutage als jede Polemik. Ein Buch zum Blättern, Nachdenken und Wiederfinden. Und am Ende bleibt dieses warme, etwas widersprüchliche Gefühl: Heimkommen ist kompliziert — aber möglich.
