4. Juni
Rating:3

Ein Buch mit Ecken und Kanten

Michela Murgia war eine der modernsten literarischen Stimmen Italiens. Sie stand für Toleranz, Queerness und soziale Gerechtigkeit ein. Viel zu früh verstarb sie im letzten August in Rom. In den 12 Kurzgeschichten dieses Buchs beschäftigt sie sich mit großen Umbrüchen im Leben namenloser Menschen. Nicht nur eine Geschichte trägt autobiografische Züge. Die meisten der Geschichten sind sehr kurz und zeigen eine Episode im Leben von Personen, die sich neu orientieren müssen, sei’s durch Krankheit, Verlust oder Entscheidungen, die ihnen aufgezwungen werden. Es sind ausnahmslos unangenehme Themen, Ereignisse im Leben eines Menschen, die einen aus dem Takt bringen, und nicht öffentlich gemacht werden. Wir begegnen einer Frau, die mit der Tatsache konfrontiert wird, einen Tumor zu haben und diesem einen Namen geben möchte. Wir sind nahe an einer Frau, die sich mit der Kotzerei im Rahmen ihrer Chemotherapie beschäftigt. Ein Mann, der beginnt viele Orte zu meiden, weil er sich dadurch an seine Exfreundin erinnert fühlt und dieser dort mutmaßlich fürchtet zu begegnen. Am besten hat mir die Beichte einer Frau gefallen, die sich mit Sterbehilfe beschäftigt, oder das Kapitel der Mutter, deren Sohn auszieht und die sich zeitgleich eine Pappfigur eines K-Pop Stars in den Kleiderschrank holt und mit dem ein Doppelleben führt, von dem alle anderen nichts ahnen. Sehr skurril und für mich der Text, bei dem ich am meisten lächeln musste. Mit ihren Erzählungen macht mich die Sardin neugierig auf weitere literarische Erfahrungen aus ihrer Feder. Sie schafft es über wenige Seiten Charaktere entstehen zu lassen, die uns nah kommen und deren Leben man in Gänze zu kennen scheint. Nicht jede Geschichte hat mich gleich intensiv erreicht. Die Geschichte mit der Ratte war das ekligste was ich seit langem gelesen habe. Auch eine starke Emotion! Manche ließen mich etwas ratlos zurück. Doch die meisten brachten mich im Anschluss dazu über das Gelesene nachzudenken. Wie hätte ich in einer solchen Situation reagiert? Schwer vorauszusagen, denn manches entscheidet sich doch eher spontan und im Affekt. Ein Buch mit Ecken und Kanten, manchmal abstoßend, doch meist berührend.

Drei Schalen
Drei Schalenby Michela MurgiaWagenbach, K
8. Mai
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Michela Murgias letztes Buch „Drei Schalen“ ist eine Sammlung von zwölf intensiven Erzählungen über Trauer, Trost und das Abschiednehmen, die das Leben in all seinen Facetten beleuchten. Mit einer poetischen und zugleich schnörkellosen Sprache erzählt Murgia von Lebensumbrüchen, Verlust, Krankheit und Tod. Die Geschichten sind tiefgründig und existenziell, aber auch voller Empathie und einem Hauch von Ironie. Murgia thematisiert existenzielle Situationen, die oft unbequem sind, aber dennoch Hoffnung und Lebensmut vermitteln. Durch die lose Verbindung der Geschichten entsteht eine angenehme Balance zwischen Bedeutsamkeit und Leichtigkeit. „Drei Schalen“ ist ein eindrucksvolles Vermächtnis dieser begabten sardischen Autorin und Aktivistin, die im August 2023 viel zu früh von uns gegangen ist. Ihre Geschichten laden zum Nachdenken und Mitfühlen ein und hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Doch nicht nur „Drei Schalen“ ist unbedingt lesenswert, ich kann auch all ihre anderen Werke von Herzen empfehlen – Michela Murgia und ihre Bücher sollten nicht in Vergessenheit geraten! Aus dem Italienischen von Esther Hansen.

Drei Schalen
Drei Schalenby Michela MurgiaWagenbach, K