
Ein herausragendes Buch von Hohlbein, das einen nur fesseln kann.
„Spiegelzeit“ ein faszinierendes Buch aus dem frühen Werk von Hohlbein welches 1991 erschienen ist. Das erste Mal habe ich es mit etwa 13 Jahren gelesen und war bereits nach wenigen Seiten in den Bann des Buches gezogen. Beim erneuten Lesen des Buches als Erwachsener erging es mir nun erneut so wie vor knapp 20 Jahren. Die Handlung: Hauptfigur des Buches ist der 14-jährige Julian, dessen Vater ein berühmter Varieté-Zauberer ist. Sein berühmtester Trick ist Menschen mit einem Spiegel verschwinden (und anschließend wieder auftauchen) zu lassen. Julian lernt auf dem Rummelplatz der Stadt Roger kennen, einen Jungen, dessen Vater ein Glaslabyrinth besitzt, und ihm dieses auf dem abendlichen Rummelplatz zeigen möchte. Ehe es sich Julian versieht befindet er sich in einem Abenteuer, welches seinen Ausgang in einer Tragödie fand, die sich knapp 90 Jahre zuvor auf diesem Rummelplatz zugetragen hat und an der sein Vater einen Anteil hat. Die Handlung spielt in einer deutschen Großstadt. (Da die Stadt z.T. detailliert beschrieben wird mit Lage des Rummelplatzes zum Fluss, Varieté und Hilton-Hotel lasst sich sogar vermuten, welche Stadt Hohlbein da beim Schreiben im Kopf hatte... Tipp: Sie liegt in NRW). Typisch für Hohlbein ist, dass der Schritt von Realität zu Fiktion graduell geschieht und weder für die Hauptfiguren noch für den Leser immer unmittelbar erkennbar ist. Der Autor schafft es zudem mit großer Leichtigkeit, vor dem Auge des Lesers eine sehr lebendige Welt auferstehen zu lassen: Der alte Rummelplatz aus wilhelminischer Zeit entsteht so plastisch vor dem inneren Auge, dass einen z.T. nur Nostalgie ergreifen kann, und man am liebsten selbst einen solchen Rummelplatz aus der Zeit von 1908 besuchen möchte. Gleichzeitig bleibt es durchgehen über 500 Seiten spannend. Man kann, ähnlich wie es andere Rezensenten beschrieben haben, dass Buch einfach nicht aus den Händen legen. Bei mir waren es - beruflich bedingt - beim letzten Lesen ca. 4 Tage. Dass Julian sich immer wieder erfolgreich allen möglichen Trollen erwehren muss ist bei einem vermeintlich Jugendbuch mit entsprechender Zielgruppe dieses Genres nicht überraschend und stört nicht. Einzelne Abstriche kann man sicher geben, diese wurde bereits zu Recht kritisiert. So sind tatsächlich auch am Ende des Buches nicht alle Fragen im Detail geklärt, nicht alle Handlungsnebenstränge zusammengeführt. Dies liegt jedoch auch darin begründet, dass Hohlbein im Verlauf des Buches mittels unterschiedlicher Charaktere wie Roger, Alice und Julians Vater dem Leser verschiedene Erklärungen für dieselben Phänomene und Wendungen anbietet. Bis zum Ende bleibt in einigen Fällen offen, welche die korrekte Erklärung war, wer die Wahrheit gesagt, wer sich geirrt oder vielleicht auch vorsätzlich nicht die ganze Wahrheit gesagt hat. Ein Beispiel für eine solche offene Frage ist z.B. warum Julians Vater eine der beiden fehlenden Scherben in seinen eigenen Zauberspiegel im Varieté eingebaut hat und somit in all den Jahren versteckt und die andere Scherbe zum Ende des Buches im Stofftroll des Besitzers der späteren „Abnormitätenschau“ (der einzige Überlebende des Unglückes von 1908) versteckt, anstatt zu versuchen, sie beide direkt in den zerstörten Spiegel einzusetzen. Eine weitere Frage ist u.a., warum Roger am Anfang des Buches beim ersten Spaziergang im alten Teil der Kirmes versucht Julian in seinem Spiegellabyrinth dazu zu bringen, in den Hauptspiegel in der Mitte zu schauen, dann jedoch plötzlich Alice in einem der Seitenspiegel erscheint, schreiend Julian warnt - was Roger ganz und gar nicht gefällt -, das Glaslabyrinth daraufhin beginnt einzustürzen und Julian veranlasst aus dem Labyrinth zu stürmen. Das in diesem Fall konträre Handeln dieser beiden Charaktere ist auch deshalb so überraschend, da im ganzen restlichen Buch Roger und Alice sich gut verstehen und augenscheinlich gemeinsame Ziele verfolgen. Die andere Alternative wäre, dass das Buch doch zu 100% konsistent geschrieben und man es doch nur oft genug lesen muss... Falls dem so sei - bitte gerne Kommentare und Hinweise diesbezüglich. Dass das Buch die logischen Wiedersprüche, die sich durch Zeitreisen an sich ergeben würden, nicht in Gänze aufklären kann, tut aber dem Gesamtwerk meiner Meinung nach keinen Abbruch. Trotzdem liegt ein gewaltiger Reiz in diesem Buch u.a. darin, dass man ein Gefühl dafür bekommt, welche logischen Probleme sich ergeben würden, wenn Zeitreisen in die Vergangenheit tatsächlich möglich wären. Auch wenn das Buch vielleicht nicht nobelpreisverdächtig ist, ist es in Sachen Fantasy ein großer Wurf und gemeinsam mit „Schattenjagd“ meiner Meinung nach eines der besten Bücher von Hohlbein.



