30. Jan.
Rating:4

Benützigkeit gewonnen Leben und tut entscheidet

Manchmal sucht man lange nach einem Buch – nicht aus Neugier, sondern aus einem inneren Bedürfnis heraus. Nach einer Geschichte, die einen bestimmten blinden Fleck der Geschichte beleuchtet. Genau so ging es mir mit diesem Buch. Ich hatte schon öfter nach einer Erzählung gesucht, die sich mit dem Schicksal blinder Menschen im Dritten Reich beschäftigt. Als mir dann „Blindenwerkstatt Otto Weidt“ von Inge Deutschkron in die Hände fiel, schien es, als hätte mich dieses Buch gefunden – nicht umgekehrt. Bevor man über die Wirkung spricht, muss man ein paar Worte zum Inhalt verlieren. Inge Deutschkron erzählt hier nicht nur eine historische Begebenheit, sondern ein Stück ihres eigenen Lebens. Wir begleiten sie in einer Zeit, in der das tägliche Überleben für jüdische Menschen zur permanenten Prüfung wurde. Im Zentrum steht Otto Weidt, ein selbst blinder Mann, der in Berlin eine Werkstatt für Bürsten und Besen betrieb. Was auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, entpuppt sich als lebensrettend: Diese Produkte waren für die Kriegswirtschaft unverzichtbar. Und genau das machte Otto Weidt, seine Werkstatt und seine Mitarbeiter – viele von ihnen jüdisch oder anderweitig bedroht – zunächst „unentbehrlich“. Diese Werkstatt wurde zu einem Schutzraum. Kein sicherer Ort im eigentlichen Sinne, aber ein Bollwerk gegen Deportation, Angst und Willkür. Inge Deutschkron hatte das seltene Glück, Otto Weidt kennenzulernen und für ihn arbeiten zu dürfen. Dieses Glück bedeutete nichts Geringeres als: weiterleben zu dürfen. Doch dieses Buch ist mehr als eine Chronik des Überlebens. Es ist ein stilles Zeugnis von Menschlichkeit. Otto Weidt erscheint nicht als Held im pathetischen Sinn, sondern als zutiefst anständiger Mensch. Einer, der nicht wegsah. Einer, der Risiken auf sich nahm, um andere zu schützen. Einer, der mit List, Mut und Mitgefühl versuchte, dem mörderischen System wenigstens ein paar Leben zu entreißen. Was mich beim Lesen besonders bewegt hat, ist etwas, das sich wie ein roter Faden durch viele Bücher über diese Zeit zieht – und doch jedes Mal neu trifft: Es gab Licht. Selbst in dieser tiefsten Dunkelheit. Menschen, die jüdische Mitmenschen aufnahmen, sie versteckten, versorgten, schützten – oft unter Einsatz ihres eigenen Lebens. Eine Aufopferung, die kaum zu begreifen ist und die bis heute nachhallt. Gleichzeitig will dieses Buch nichts beschönigen. Die Angst ist allgegenwärtig. Die Bedrohung endet nie. Jeder Tag kann der letzte in Freiheit sein. Gerade dadurch gewinnt jede kleine Geste der Menschlichkeit ein enormes Gewicht. Ein kleiner Wermutstropfen blieb für mich dennoch: Ich hätte mir gewünscht, dass das Thema Blindsein im Dritten Reich noch stärker in den Mittelpunkt gerückt wird. Hier hatte ich mehr erwartet – mehr Einblicke, mehr Reflexionen über die besondere Situation blinder Menschen in einer Zeit, in der „Nützlichkeit“ über Leben und Tod entschied. Dieser Aspekt bleibt stellenweise im Hintergrund. Doch trotz dieses kleinen Mangels bleibt ein starkes, wichtiges Buch. „Blindenwerkstatt Otto Weidt“ ist ein eindringliches Zeugnis dafür, dass Menschlichkeit keine Frage von Macht, Stärke oder Sehfähigkeit ist. Es ist ein Buch, das zeigt, wie viel ein einzelner Mensch für andere tun kann – und vielleicht tun muss. Ich kann dieses Buch nur wärmstens empfehlen. Nicht nur als historische Lektüre, sondern als Erinnerung daran, dass wir füreinander da sein sollten. Gerade dann, wenn es unbequem, gefährlich oder scheinbar aussichtslos ist. oder sie noch stärker an Kinder/Jugendliche anpassen – passend zu Kapitel der Zeiten.

Blindenwerkstatt Otto Weidt
Blindenwerkstatt Otto Weidtby Inge DeutschkronButzon & Bercker