
Was ist wenn du alles siehst und alles hörst - aber keiner weiß dass du da bist? "Hätte ich dich doch nur gesehen" von Nadine Dethloff ist ein Roman aus dem Jahr 2024. Nach einem einschneidenden Ereignis landet Sarah, Mutter von drei Kindern und Ehefrau, dort, wo jegliche Kontrolle endet: im Krankenhaus. Was die Ursache, was der Auslöser für diesen Aufenthalt ist ist zu Beginn nicht bekannt und wird im Laufe des Romans zur großen Aufgabe der Protagonistin und mir als Leser. Denn: Sarah befindet sich nach diesem Schicksalsschlag im Wachkoma - das wird aus dem Klappentext des Buches nicht klar, aber gleich zu Beginn der Handlung offenbart. Über 200 Seiten nimmt Sarah uns in ihr Erleben mit und lässt uns teilhaben an kleinsten Fort- aber auch Rückschritten. Kleinste Erinnerungsfetzen und Wahrnehmungen von denen sie uns genauso wie von Enttäuschungen, quälenden Gedanken und der Trauer tief in ihr drinnen erzählt welche sie seit Jahren umgibt - und welche auch einen großen Anteil der Erzählungen einnehmen, soviel sei spoilerfrei verraten. Die Perspektive der Ich-Erzählerin wird dabei nie verlassen, das macht die Erzählung bewegend und emotional. Jetzt muss ich gestehen dass Nadine nicht die allerbesten Dialoge schreibt, diese zum Teil auch ein bisschen konstruiert wirken - aber das ist auch gar nicht ihr Anliegen, das Buch will nämlich etwas völlig anderes: Die durchaus spannende Handlung dient in erster Linie dazu, Werkzeuge zur Selbstreflexion, zum Thema "emotionale Gesundheit" und zum Ungang mlt Lebenskrisen an die Hand zu reichen. Und diesen Part macht sie überzeugend. Im "wahren Leben" ist Nadine nämlich Ärztin und unterrichtet medizinisches Fachpersonal und blickt auf Fachwissen aller genannten Bereiche zurück. Als examinierter Altenpfleger habe ich viele Situationen erlebt, in denen alle Themen im Raum standen, oft unausgesprochen und diffus, aber fortwährend da. Ein Buch wie "Hätte ich dich doch nur gesehen" hätte ich mir damals in meiner Ausbildung gewünscht. Nicht als Lehrbuch sondern als weitere Perspektive. Und eine Dozentin wie Nadine Dethloff wünscht man ebenso jedem im medizinischen Bereich tätigen.



