3. Mai
Rating:4.5

Gelungener Auftakt zur Seelenmachtsaga

Welche Bedeutung haben Ereignisse und Erlebnisse in der Vergangenheit für die eigene Selbstwahrnehmung? Was ist wichtiger: Das Ergebnis oder der Weg? Der Krieg zwischen Engeln und Teufeln ist vorbei, aber nicht allen fällt es leicht, ihren Platz in der neuen Ordnung zu finden. Die Dunkelteufelin Zoé hat im Krieg ihren Freund Zyan verloren und diesen Verlust noch lange nicht verwunden. Anstatt ihre ehemaligen Kameraden und Freunde zu begleiten, wählt sie einen eigenen Weg. Aus den gestohlenen Friedenschroniken weiß von einer Quelle der Macht, die Unsterblichkeit schenken soll. Sie will diese erschließen und allgemein zugänglich machen. Auf der Suche nach Verbündeten begibt sie sich in das Dunkle Königreich und macht eine überraschende Entdeckung. Die ungleichen Halbgeschwister Niranjana und Taiowa sind Träger der Seelenmacht. Als die Teufelin Niranjana den Verlust der Friedenschroniken bemerkt, ist sie sich augenblicklich der Gefahr bewusst, in der die Welt schwebt: „Seelenmacht mag nach etwas Gutem klingen, aber in allen Seelen wohnt auch ein wenig Tod. Wenn jeder diese Kraft haben könnte, würde unsere Welt im Krieg der Kinder untergehen.“ (S. 428) Unter keinen Umständen darf das Wissen um die tatsächliche Existenz dieser Macht daher allgemein bekannt werden. Sicherheitshalber kontaktiert Niranjana ihren Halbbruder, den Engel Taiowa und versucht Zoé zu finden. Aber sie kommt zu spät… Die gesamte Tiefe der in mehreren Handlungssträngen erzählten und durch Rückblenden sowie informative Chronikeinträge aufgelockerten Geschichte lässt sich kaum in wenigen Sätzen festhalten. Besonders gut hat mir die Bearbeitung der Themen Verlust, Liebe, Freundschaft und Identität im Kontext des Handlungsstrangs im Dunklen Königreich gefallen. Den Gedanken, dass die Dunkelheit die Wahrheit offenbart, weil keine Schatten existieren, fand ich geradezu genial. Überhaupt werden Fragen von Wahrheit/ Lüge sowie Recht/ Unrecht immer aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Am Ende war ich mir daher gar nicht sicher, wie „Gut“ und „Böse“ aufgestellt sind - und ob das überhaupt wichtig ist. Einzig die „spicy“ Szenen wirkten für mich etwas deplatziert. Aber das fällt bei all den positiven Punkten kaum ins Gewicht. Insgesamt kann ich diese ereignisreiche, dichte, humorvolle und gleichzeitig nachdenkliche Geschichte Freund*innen der dunklen Phantastik sehr empfehlen. Ich freue mich auf Band 2 und bin gespannt, wie es in Himmel, Hölle und Mittelwelt weitergeht.

Zeit des Zwielichts
Zeit des Zwielichtsby Eileen Stortztolino media