Mit 80 Jahren war Camilleri müde. Seine Romanfigur Salvo Montalbano entglitt ihm, verhielt sich nicht mehr so, wie er es wollte.
Ein Grund war nicht Camilleris Müdigkeit sondern die Verfilmung seiner Montalbano-Krimi, an der Camilleri beteiligt war, und die sich nicht an das Original hielt.
Also entschied Camilleri den letzten Krimi zu schreiben. Das Ende von Salvo Montalbano als Romanfigur. Das Manuskript übergab er seinem Verlag mit der Auflage es nach seinem Tod zu veröffentlichen.
Camilleri lebte noch weitere vierzehn Jahre und veröffentlichte noch viele Bücher, nicht nur Montalbano-Krimi.
Nach rund zehn Jahren überarbeitete er das Manuskript.
Spezial sind die Telefonanrufe des Autors, welcher die Romanfigur zu beeinflussen versucht. Was dieser in seiner bockigen Art ignoriert.
Der Fall ist eigentlich Nebensache. Mord, Mafia, Schweigen, Korruption und Angst.
Camilleri verabschiedet sich hier von seiner Romanfigur, die er als Siebzigjähriger auf den Markt brachte, indem er als erster geht. Die Romanfigur muss so lange warten, dass die Geschichte nicht mehr in das Italien zum Zeitpunkt der Veröffentlichung passt.
Ein Buch für Camilleri-Fans, weniger für Krinifreunde.
Dieser posthum veröffentlichte Roman, der schon 2005 entstand, ist der Versuch Camilleris, seine Montalbano-Krimi-Reihe, der er müde war, zu einem befriedigenden Ende zu bringen. Der Befreiungsschlag ist ihm nicht ganz gelungen, denn schrieb noch viele Montalbanos, die immer schwächer wurden. Zuletzt erblindet, diktierte er sie. Den Geist, den er gerufen hatte, wurde er nicht mehr los. Riccardino ist aber noch ein starker Krimi, hier sind der Autor und die Protagonisten noch nicht Abziehbilder ihrer selbst.
Mit „Riccardino“ nimmt Andrea Camilleri Abschied – nicht nur von seinem Publikum, sondern auch von seinem berühmten Ermittler, Commissario Salvo Montalbano. Es ist ein bewegender, kluger und gleichzeitig verspielter letzter Fall, der mehr ist als bloß ein klassischer Kriminalroman. Vielmehr handelt es sich um eine literarische Meta-Erzählung, ein Werk zwischen Realität und Fiktion, in dem Camilleri Montalbano und sich selbst mit feiner Ironie und tiefem Ernst gegenüberstellt.
Der Fall selbst beginnt konventionell: Ein früher Anruf weckt Montalbano, ein gewisser Riccardino bittet um ein Treffen. Kurz darauf ist der Mann tot – erschossen auf offener Straße. Was zunächst wie ein Eifersuchtsdrama wirkt, entwickelt sich zu einer komplexen Ermittlung, die den Commissario nicht nur mit einem Bischof und einer Wahrsagerin konfrontiert, sondern auch mit sich selbst, seinem medialen Doppelgänger aus dem Fernsehen – und seinem Schöpfer, dem Autor.
Diese drei Ebenen – Realität, Fiktion, Selbstreflexion – sind das eigentliche Herzstück des Romans. Montalbano spricht mit seinem Autor, widerspricht ihm, rebelliert gegen den Verlauf der Geschichte. Es ist, als würde Camilleri seinem Protagonisten ein letztes Mal die Chance geben, sich zu emanzipieren – aber auch als wolle er selbst in einem finalen Gespräch Abschied nehmen. Dabei schwingt ein melancholischer Ton mit: der Abschied vom Alter Ego, von einer langen Ära, von literarischem Schaffen. Es ist kein lauter, sondern ein nachdenklicher, fast zärtlicher Abschied.
Sprachlich bleibt Camilleri seiner Linie treu: Die ironisch-lebendige, oft unübersetzbare Kunstsprache, der Charme des Sizilianischen, das farbenreiche Lokalkolorit – all das ist auch in „Riccardino“ präsent. Doch wer glaubt, der Roman sei nur ein Rückblick, täuscht sich: Camilleri bleibt bis zuletzt experimentierfreudig. Die vierte Wand wird eingerissen, Realität und Erfindung verschmelzen, Figuren treten aus ihrer Rolle – und gerade dadurch wird dieser letzte Fall überraschend aktuell, fast modernistisch.
Natürlich sind viele liebgewonnene Elemente wieder dabei: der ewige Streit mit Livia, der tumbe Catarella, die kulinarischen Ausschweifungen. Doch spürt man in allem eine Müdigkeit, eine Ahnung von Abschied. Und so ist „Riccardino“ nicht nur das Ende einer Serie, sondern ein würdiges Finale, das alle Facetten der Reihe – Humor, Melancholie, Spannung, Gesellschaftskritik – noch einmal in sich vereint.
Der 2019 verstorbene Krimiautor Andrea Camilleri hat das Finale um seinen Ermittler Montalbano bereits 2005 geschrieben und elf Jahre später nochmals überarbeitet.
„Riccardino“ ist ein würdiger, intelligenter und zutiefst literarischer Schlussakkord für eine der bedeutendsten Krimireihen Europas. Es ist ein Buch über das Ende, über das Schreiben, über das Altern – und über die Liebe zu einer Figur, die längst über ihren Autor hinausgewachsen ist. Ein Muss für alle Montalbano-Fans – mit einem Tränchen im Auge, aber auch mit einem Schmunzeln im Gesicht.
Ciao, Commissario Montalbano, es war mir eine Ehre!
Aus dem Italienischen von Rita Seuß und Walter Kögler.
Ein Abschied von Commissario Montalbano. Der letzte Band einer wundervollen Reihe. Und es ist ein angemessener Abschied. Ein interessanter Fall und zum ersten Mal kann man dem Dialog zwischen Hauptperson und Autor folgen. Ciao Salvo und danke für alles