14. Apr.
Ein Roman voller Beobachtungen, der für mich weder Tiefe noch Entwicklung entfaltet: „Die Liebe vereinzelter Männer“ bleibt in seiner fragmentarischen Erzählweise und seiner starken Körperbezogenheit seltsam äußerlich.
Rating:1.5

Ein Roman voller Beobachtungen, der für mich weder Tiefe noch Entwicklung entfaltet: „Die Liebe vereinzelter Männer“ bleibt in seiner fragmentarischen Erzählweise und seiner starken Körperbezogenheit seltsam äußerlich.

Victor Heringers „Die Liebe vereinzelter Männer“ ist ein Roman, der stark auf Fragment, Beobachtung und lose Wahrnehmung setzt. Grundsätzlich stört mich das nicht; nicht jede Erzählung braucht eine klassische Spannungskurve. Was sie jedoch braucht, ist ein Gefühl von Entwicklung, Verdichtung oder innerer Bewegung. Genau das hat mir hier gefehlt. Nach rund fünfzig Seiten hatte ich den Eindruck, dass der Text konsequent auf derselben Ebene verbleibt: Beobachtungen, Eindrücke und Gedanken werden aneinandergereiht, ohne sich zu einer tieferen Form von Erkenntnis oder Erfahrung zu verdichten. Man kann diese beinahe tagebuchartige, offene Form bestimmt als bewusste ästhetische Entscheidung lesen. Für mich ging sie jedoch nicht auf. Viele Passagen wirkten weniger präzise komponiert als vielmehr ungeordnet, weniger bewusst gesetzt als hingeschrieben. Dadurch entstand bei mir nicht der Eindruck literarischer Offenheit, sondern der eines Stillstands. Ein fragmentarischer Roman kann sehr genau gebaut sein; hier aber fehlte mir gerade diese innere Komposition. Der Text gewann für mich durch seine Form nicht an Tiefe, sondern wirkte über weite Strecken eher wahllos. Das ist besonders schade, weil Stoff und Form dabei spürbar auseinanderfallen. Die Grundgeschichte des Protagonisten hat durchaus etwas, das interessiert, vielleicht sogar fesseln könnte. Aber die Art, wie sie erzählt wird, erzeugt weder zusätzliche Erkenntnis noch emotionale Vertiefung. Man möchte zwar wissen, worauf die Geschichte hinausläuft, aber nicht unbedingt weiterlesen, weil die Erzählweise dem Stoff keine weitere Dimension erschließt. Was mir dabei fehlte, war weniger eine zusätzliche Perspektive als eine stärkere Bewegung innerhalb des bereits gewählten Blicks: mehr innere Reibung, mehr Entwicklung, mehr Verschiebung in der Wahrnehmung. Auffällig ist zudem, wie hartnäckig die Geschichte den Körper ins Zentrum rückt: seine Entwicklung, seine Versehrtheit, seine Attraktivität. Das ist zunächst ein interessanter Zugriff, weil Körperlichkeit in Literatur ein Zugang zu Intimität, Begehren, Verletzlichkeit und innerer Wahrheit sein kann. Hier aber bleibt sie für mein Empfinden seltsam äußerlich. Die Beschreibungen häufen sich, ohne sich zu einer tieferen Figurenwahrnehmung zu verdichten. So entsteht keine wirkliche Nähe, sondern eher ein Gefühl von Fremdheit. Gerade weil der Roman dem Körper so viel Raum gibt, fällt umso stärker auf, wie wenig diese Beobachtungen über ein bloßes Registrieren hinausführen.

Die Liebe vereinzelter Männer
Die Liebe vereinzelter Männerby Victor HeringerMärz Verlag
18. Dez.
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Rating:4.5

Der Roman ist vieles: Melancholisch, zart, brennend, zärtlich, sensibel, humorvoll, nachdenklich stimmend, mitfühlend, bildhaft, traurig, bitter, wärmend, tragisch, mit Kopfschütteln zurücklassend, aber auch schön und berührend. Umso tragischer, dass Victor Heringer sich 2018 so jung mit 29 Jahren das Leben nahm. Aber umso dankbarer bin ich, dass Maria Hummitzsch als Übersetzerin eine so wunderbare und schöne Sprache gefunden und der MÄRZ Verlag dieses Werk zugänglich gemacht hat. Es ist ein Buch fürs Herz - und damit ein persönliches Jahreshighlight.

Die Liebe vereinzelter Männer
Die Liebe vereinzelter Männerby Victor HeringerMärz Verlag
25. Okt.
Rating:4

Das Buch hat mir anfangs sehr gut gefallen, der Plot war interessant und es war irgendwie anders. Schon der Wetterbericht zu Beginn war ungewöhnlich. Leider war der Plot dann doch recht schnell erzählt und dann hat es mich irgendwie verloren. Der Spannungsbogen hat für mich nicht so recht funktioniert.

Die Liebe vereinzelter Männer
Die Liebe vereinzelter Männerby Victor HeringerMärz Verlag
11. Okt.
Rating:4

Ein trauriger, melancholischer Blick auf eine harte Kindheit im Brasilien der 1970er Jahre

Dieser Roman hat mich bewegt, schockiert und mich nicht locker gelassen… Camilo wächst am Stadtrand von Rio auf, in den siebziger Jahren und in einem Land, das geprägt ist von Armut und der Militärdiktatur. Auch wenn Camilo diese Dinge nur am Rande mitbekommt, so beeinflussen diese Dinge seine Kindheit und Jugend - und ein ganz besonderer Schicksalsschlag beziehungsweise ein Verbrechen beeinflusst den Rest seines gesamten Lebens. Der Roman ist auch die Geschichte einer aufkeimenden Liebe zwischen zwei Jungen; einer Liebesbeziehung, die viel zu früh auf brutale Weise endet und dessen Ende Camilo sein Leben lang verfolgen wird. Aber der Roman findet auch schöne Momente, kleine Augenblicke voll Poesie und Schönheit. Er ist traurig, melancholisch, schockierend und regt zum nachdenken an. Sehr lesenswert!

Die Liebe vereinzelter Männer
Die Liebe vereinzelter Männerby Victor HeringerMärz Verlag
1. Sept.
Rating:3

Das Buch hat mich einerseits fasziniert und andererseits abgestoßen. Die Erzählung spielt sowohl in der heutigen Zeit, in der Protagonist erwachsen ist und in seiner Kindheit. Dort schildert er das Kennenlernen seiner großen Liebe und die Schwierigkeiten, die er als "Krüppel" und Homosexueller erleben musste. Die Zeitsprünge haben mich teilweise total verwirrt, sodass ich nicht wusste, wann und wo wir gerade sind. Auch konnte ich keine Verbindung zu den Figuren aufnehmen. Sie blieben für mich nur blass. Manche Szenenen mochte ich dennoch gerne, auch wenn ich das Buch in seiner Gänze sicher nicht richtig erfasst habe.

Die Liebe vereinzelter Männer
Die Liebe vereinzelter Männerby Victor HeringerMärz Verlag
18. Apr.
Rating:5

Dies ist eine Warnung: Nach der Lektüre von »Die Liebe vereinzelter Männer« von Victor Heringer wird alles in ein gelbliches Licht getaucht sein, das so stark blendet, dass die Reste der verbrannten Hornhaut danach als blitzende Schatten durch das Sichtfeld tanzen und man das Gefühl nicht loswird, keine Sprache für die erlebte Erfahrung zu haben.

Wie also soll man einen Roman beschreiben, für den selbst Maria Hummitzsch in ihrer kongenialen Übersetzung, neue Wörte erfinden musste? Es gilt der Grundsatz, der bei Büchern immer zutrifft: Glaubt nicht der Literaturkritik! In dieser wird der Roman zum großen Teil auf die darin enthaltene queere Liebesgeschichte zwischen dem pubertierenden, gehbehinderten Camilo und dem 15-jährigen Waisenkind Cosme zu einem 'Manifest der Liebe' reduziert. Doch sind es gerade die Grenzen zwischen Liebe und Obsession, die hier der Wahn des Protagonisten beschreiben. Situiert in den Randbezirken Rio de Janeiros im Jahr 1976 zur Zeit der brasilianischen Militärdiktatur erzählt der Roman von verschwitzter Haut, von verstaubten Straßen, der Gewalt der Armut, Masturbation und der ersten Liebe, wenn sich Camilo und Cosme ineinander verlieben und ihnen gerade einmal zwei Wochen zur Entdeckung ihrer Bedürfnisse bleiben, bevor Cosme danach gewaltvoll aus Camilos Leben gerissen wird. Der Roman bietet einen schonungslosen Blick in die Gefühle und Gedanken Camilos, dessen Obsession für Cosme auch nach vielen Jahren nicht abgeklungen ist. Das wirkt auf den ersten Moment, wie der romantische Topus der unerfüllten Liebe, deren Schmerz den Protagonisten durch die Jahre treibt, und auf den sich die meisten Rezensenten stürzen. Da wird selbst das Verhältnis zwischen dem älteren Camilo und einem Straßenjungen als 'väterlich' beschreiben, als ob ihm dann im Alter noch ein hoffnungsvolles Ende zuteilwird. Dass Camilo in besagtem Straßenjungen ein Abbild Cosmes sieht und ihn gegen seinen Willen berührt, ja sogar explizite Mordgedanken äußert, um den dadurch wieder aufkeimenden Schmerz aus seinem Leben zu tilgen, scheint dann doch nicht erwähnenswert. »Die Liebe vereinzelter Männer« ist das letzte Buch von Victor Heringer, der unter schweren Depressionen litt und kurz vor seinem 30. Geburtstag den Freitod wählte. Es ist ein Roman des Scheiterns, der Besessenheit von Liebe und am Ende ein Zeugnis davon, wie brachial und perfide Sprache sein kann.

Die Liebe vereinzelter Männer
Die Liebe vereinzelter Männerby Victor HeringerMärz Verlag