
Ein Roman voller Beobachtungen, der für mich weder Tiefe noch Entwicklung entfaltet: „Die Liebe vereinzelter Männer“ bleibt in seiner fragmentarischen Erzählweise und seiner starken Körperbezogenheit seltsam äußerlich.
Victor Heringers „Die Liebe vereinzelter Männer“ ist ein Roman, der stark auf Fragment, Beobachtung und lose Wahrnehmung setzt. Grundsätzlich stört mich das nicht; nicht jede Erzählung braucht eine klassische Spannungskurve. Was sie jedoch braucht, ist ein Gefühl von Entwicklung, Verdichtung oder innerer Bewegung. Genau das hat mir hier gefehlt. Nach rund fünfzig Seiten hatte ich den Eindruck, dass der Text konsequent auf derselben Ebene verbleibt: Beobachtungen, Eindrücke und Gedanken werden aneinandergereiht, ohne sich zu einer tieferen Form von Erkenntnis oder Erfahrung zu verdichten. Man kann diese beinahe tagebuchartige, offene Form bestimmt als bewusste ästhetische Entscheidung lesen. Für mich ging sie jedoch nicht auf. Viele Passagen wirkten weniger präzise komponiert als vielmehr ungeordnet, weniger bewusst gesetzt als hingeschrieben. Dadurch entstand bei mir nicht der Eindruck literarischer Offenheit, sondern der eines Stillstands. Ein fragmentarischer Roman kann sehr genau gebaut sein; hier aber fehlte mir gerade diese innere Komposition. Der Text gewann für mich durch seine Form nicht an Tiefe, sondern wirkte über weite Strecken eher wahllos. Das ist besonders schade, weil Stoff und Form dabei spürbar auseinanderfallen. Die Grundgeschichte des Protagonisten hat durchaus etwas, das interessiert, vielleicht sogar fesseln könnte. Aber die Art, wie sie erzählt wird, erzeugt weder zusätzliche Erkenntnis noch emotionale Vertiefung. Man möchte zwar wissen, worauf die Geschichte hinausläuft, aber nicht unbedingt weiterlesen, weil die Erzählweise dem Stoff keine weitere Dimension erschließt. Was mir dabei fehlte, war weniger eine zusätzliche Perspektive als eine stärkere Bewegung innerhalb des bereits gewählten Blicks: mehr innere Reibung, mehr Entwicklung, mehr Verschiebung in der Wahrnehmung. Auffällig ist zudem, wie hartnäckig die Geschichte den Körper ins Zentrum rückt: seine Entwicklung, seine Versehrtheit, seine Attraktivität. Das ist zunächst ein interessanter Zugriff, weil Körperlichkeit in Literatur ein Zugang zu Intimität, Begehren, Verletzlichkeit und innerer Wahrheit sein kann. Hier aber bleibt sie für mein Empfinden seltsam äußerlich. Die Beschreibungen häufen sich, ohne sich zu einer tieferen Figurenwahrnehmung zu verdichten. So entsteht keine wirkliche Nähe, sondern eher ein Gefühl von Fremdheit. Gerade weil der Roman dem Körper so viel Raum gibt, fällt umso stärker auf, wie wenig diese Beobachtungen über ein bloßes Registrieren hinausführen.








