Was bedeutet sexuelle Befreiung und Gleichstellung behinderter Personen?
Hunchback geht eindrücklich das in der japanischen Gesellschaft (aber auch hierzulande) noch tabuisierte Thema von Sexualität von Personen mit Behinderung an.
Shaka Izawa hat Myopathie und schreibt erotische Kurzgeschichten. Für sie geht es um Selbstbestimmung und Menschenwürde, als sie beschließt schwanger zu werden und den Embryo abzutreiben. Während biszuletzt Frauen mit Behinderung zu Zwangssterilisation und ungewollten Abtreibungen von der Gesellschaft gezwungen wurden, wandelt Saou Ichikawa in diesem Buch die Bedeutung einer Schwangerschaft und anschließenden Abtreibung in einen Akt der Befreiung und Gleichstellung.
Sowas habe ich noch nicht gelesen. Das Buch wurde aus Sicht einer behinderten Frau geschrieben und ihre Sicht auf die Gesellschaft, ihre Einschränkungen und ihren heller wachen Geist. Die Geschichte spielt in Japan wo es offiziell keine behinderten Menschen gibt.
Die an Myopathie erkrankte Shaka lebt in einer Unterkunft für Menschen mit Handicap. Durch ihre Krankheit ist sie auf ein Beatmungsgerät angewiesen und kann sich nur sehr eingeschränkt bewegen und verbal äußern. Außenstehende scheinen in Shaka nur ihre Diagnose zu sehen, dabei hat sie eine tiefe Sehnsucht nach Nähe und Intimität, die sie nun auf eine bestimmte Weise zu bekommen versucht.
Das Buch und seine Protagonistin haben mich auf nicht einmal 100 Seiten so sehr bewegt, womit ich nicht gerechnet habe. Der Wunsch von Shaka, zumindest einmal körperliche Nähe zu spüren, aber sich selbst auch einfach in einem „normalen“ Körper zu befinden, ist so allumfassend, dass ich richtig mit ihr mitgefühlt habe. Zugleich wird man durch sie Zeugin davon, wie Menschen mit Behinderung von außen wahrgenommen werden: als „geschlechtslos“. Sie werden nicht als Menschen mit Wünschen, Sehnsüchten, Träumen gesehen, sondern auf ihr Handicap reduziert.
Dadurch, dass auch die Autorin, Saou Ichikawa, Myopathie hat, lesen sich die Leiden, die die Muskelerkrankung mit sich bringt, sehr authentisch und beinahe autobiografisch. Der Ton ihres Textes ist schnörkellos und direkt, sodass man als Leser:in intensive 96 Seiten erhält, die lange nachhallen.
In »Hunchback« von Saou Ichikawa steht Shaka Izawa im Mittelpunkt, die mit einer angeborenen Muskelerkrankung in einer Pflegeeinrichtung nahe Tokio lebt. Der Titel, der sich mit „Bucklige“ übersetzen lässt, verweist dabei unmittelbar auf ihren Körper und die starke Krümmung ihrer Wirbelsäule, die ihren Alltag bestimmt und ihr fast jede körperliche Selbstständigkeit nimmt. Sie ist auf einen elektrischen Rollstuhl, ein Beatmungsgerät und die Hilfe anderer angewiesen. Die Einrichtung, in der sie lebt, wurde von ihren Eltern gegründet und sichert ihr Leben dauerhaft ab. Doch diese Sicherheit bedeutet zugleich Abhängigkeit.
Während ihr Alltag von Routinen und fremder Fürsorge geprägt ist, eröffnet sich ihr im Internet ein Raum, der allein ihr gehört. Dort studiert und schreibt sie: Neben wissenschaftlichen Texten veröffentlicht sie pornografische Kurzgeschichten und provokante Beiträge in sozialen Medien. Ihre Worte sind direkt, oft bewusst irritierend. Sie richten sich gegen eine Gesellschaft, die Menschen wie sie übersieht oder auf ein stilles, asexuelles Dasein reduziert. Besonders radikal ist ihr Wunsch, Erfahrungen zu machen, die ihr scheinbar nicht zugedacht sind – etwa schwanger zu werden, nicht aus einem romantischen Wunsch heraus, sondern um selbst über ihren Körper entscheiden zu können. So entsteht das Porträt einer Figur, die auf ihre eigene Perspektive besteht und im Denken und Schreiben einen Gegenraum zu einem Körper findet, der ihr ständig Grenzen setzt.
Diese Stimme war es, die mich beim Lesen zunächst auf Distanz gehalten hat. Ich habe »hunchback« zweimal gelesen. Beim ersten Mal sehr schnell und mit einer gewissen Unsicherheit zurückbleibend. Vieles hat mich irritiert, manches blieb mir unzugänglich. Erst beim zweiten Lesen, langsamer und aufmerksamer, haben sich mir viele Zwischentöne des Textes erschlossen. Und gerade dort liegt für mich die Stärke des Romans. Er erklärt nichts, er beschönigt und entschuldigt nichts. Er bleibt konsequent bei Shakas Perspektive, auch dort, wo ihre Gedanken moralisch herausfordern oder schwer auszuhalten sind.
Ichikawa schreibt mit einer Direktheit, die nichts abfedert. Sie beschreibt Körper, so wie sie wirklich sind: in ihrer Verletzlichkeit, ihrer Abhängigkeit und ihrem Begehren. Shakas Sexualität wirkt auf den ersten Blick provokant, für mich ist sie jedoch vor allem eine Behauptung von Existenz. Einem Körper, dem gesellschaftlich Begehren abgesprochen wird, verschafft der Text hier selbst Ausdruck. Sprachlich arbeitet der Text mit großer Genauigkeit. Viele Sätze wirken zunächst beiläufig und entfalten ihre Wirkung erst später. Beim Lesen habe ich mir einige Stellen unterstrichen, weil sie mich nicht mehr losgelassen haben. Kein Satz scheint hier zufällig gesetzt.
Saou Ichikawa, die selbst mit einer angeborenen Myopathie lebt, schreibt ohne Distanz und spürbar aus eigener Erfahrung heraus. Ihre Perspektive verzichtet auf jede Beschönigung und bleibt nah an der körperlichen Realität, von der sie erzählt. Dass sie für »hunchback« als erste körperlich behinderte Autorin mit dem Akutagawa-Preis ausgezeichnet wurde, unterstreicht die literarische wie gesellschaftliche Bedeutung dieses Textes.
Mit etwas mehr als neunzig Seiten ist »hunchback« ein schmaler, aber enorm dichter Roman. Er ist unbequem, stellenweise verstörend und von einer spürbaren Wut getragen. Er erschließt sich nicht sofort. Erst im genauen, langsamen Lesen zeigt sich, wie präzise er gearbeitet ist. Wie bewusst jede Provokation gesetzt ist. Wie konsequent er Fragen nach Macht, Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Normierung stellt. Es geht um Körper. Um Moral. Um die stillen Hierarchien, die bestimmen, wessen Leben als selbstverständlich gilt und wessen nicht.
Für mich war »Hunchback« keine angenehme, aber eine sehr eindringliche Lektüre. Ein Roman, der herausfordert und nachhallt. Und einer, der den Blick auf einen Ableismus lenkt, der tiefer in unseren Denkweisen verankert ist, als wir oft wahrhaben wollen.
„Ich hasse alles, was mit dem Überleben der Zeiten wertvoller wird. Je länger ich lebe, desto mehr zerbreche ich. Ich zerbreche nicht, um zu sterben, ich zerbreche, um zu leben. Ich zerbreche als Beweis dafür, dass ich gelebt habe. Das ist etwas völlig anderes als eine unheilbare Krankheit, die einen Gesunden befällt, oder der normale Alterungsprozess, der früher oder später bei jedem gesunden Menschen einsetzt.
Jedes Buch, das ich lese, krümmt meine Wirbelsäule, zerquetscht meine Lunge; in meinem Hals klafft ein Loch; wenn ich gehe, schlage ich mit dem Kopf an. Ich zerbreche, um zu leben.“
Definitiv ein provakatives Werk. Insbesondere der kulturelle Aspekt, wie mit Behinderung in Japan umgegangen wird ist ausgesprochen interessant. Das Ende hat mich etwas ratlos zurück gelassen. Insgesamt hätte es gerne länger sein dürfen, da hätte man noch einiges rausholen können.
hat gezeigt, wie privilegiert es ist, ein buch halten zu können, ohne schmerzen zu haben, dinge tun zu können, weil der körper „funktioniert“! 90 seiten - so eindrucksvoll
•Buchrezi• 😶
Zum Inhalt:
Shaka Izawa lebt auf 16 Quadratmetern in einem Heim für Menschen mit Behinderung. Einem Ort, den ihre Eltern eigens für sie bauen ließen und für den sie finanziell vorgesorgt haben. Ihr Körper wird von einem Korsett gestützt, regelmäßig muss sie über einen Zugang am Hals Sekret aus der Lunge absaugen lassen, weil ihr die Kraft fehlt, selbst abzuhusten. So fristet Shaka ihr Dasein zwischen körperlicher Abhängigkeit und geistiger Klarheit.
Zu ihren täglichen Aufgaben gehört es, erotische Geschichten für Onlineforen zu schreiben und ihren Körper wenigstens so weit zu bewegen, dass die Muskulatur nicht weiter abbaut. Ihre Pflege übernehmen ausschließlich Frauen, bis eines Tages das Personal ausfällt und ein junger Mann das Duschen übernehmen soll. Er macht Shaka ein ungewöhnliches Angebot. Denn sie hat einen Wunsch öffentlich geteilt, ohne zu ahnen, dass jemand ihn wirklich liest.
„Ich werde nie einen sozial lebendigen Körper haben.“
„Wenn einer in mir nur Geld sieht, schaue ich eben als Geld zurück. So funktioniert Gesellschaft doch.“
Mein Fazit:
Die Geschichte von Shaka Izawa ist schonungslos ehrlich. Sie beschreibt mit beeindruckender Klarheit ihre körperliche Situation und die Reaktionen ihres Umfelds, ohne je um Mitleid zu bitten. Shaka verliert sich nicht in Selbstmitleid, sondern formuliert sachlich, fast nüchtern, wie ihr Körper funktioniert, welche Hilfe sie braucht und welche Wünsche sie hat.
In anderen Rezensionen las ich das Wort „skurril“. Aber warum? Nur weil eine Frau, deren Körper nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht, über ihre Sehnsüchte spricht? Das ist nicht skurril, das ist zutiefst menschlich. Wir alle haben Wünsche, Bedürfnisse und Träume, egal wie wir auf die Welt gekommen sind.
Diese Geschichte hallt nach. Sie ist feministisch, ehrlich, aufklärend und zugleich emotional. Auch wenn ich ihren größten Wunsch nicht vollständig nachvollziehen konnte, wurde mir beim Lesen klar, was dahintersteckt und genau das macht das Buch so stark.
Ein Highlight. Absolute Leseempfehlung. ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️
Ohne beschönigende Worte wird der Alltag mit einer angeborenen schweren Muskelerkrankung geschildert.
Viel mehr geht es aber um die Einschränkungen im Mensch-Sein (durch die Krankheit, aber auch die Gesellschaft), darum, Erfahrungen machen zu wollen, die für andere einfach Teil des Lebens sind. Diese tiefe Sehnsucht danach hat mich sehr bewegt.
Das Ende des Romans ist nicht eindeutig und lässt mehrere Interpretationsmöglichkeiten zu, die alle eigene, interessante Denkanstöße mit sich bringen.
Saou Ichikawa schafft es auf 92 Seiten ein feministisches, schwarzhumoriges Essay zu verfassen, dass so viel Gesprächsstoff liefert und dabei die Ignoranz der Gesellschaft gegenüber Menschen mit Behinderung einfängt.
Mein Fazit:
Ein großartiges Buch! Ich weiß, dass ich noch ganz oft daran denke und meine Emotionen reflektieren werde.
Für mich einziger Abzug: 18€ für 94 Seiten ist ein heftiger Preis.
"Hunchback" ist ein radikales, provokantes und unbequemes Debüt, das mit gängigen Vorstellungen über Behinderung, Sexualität und Selbstbestimmung bricht.
Die Protagonistin leider an einer Gen-bedingten Muskelkrankheit und lebt in einer betreuten Wohngruppe, die mit dem Erbe ihrer verstorbenen Eltern gegründet wurde und auch finanziert wird. Sie schreibt vulgäre Geschichten für ein Online-Magazin, provoziert mit Tweeds und gibt ihre Phantasien preis, wodurch sie Befreiung verspürt.
Mich lässt das Buch zwiegespalten zurück. Da sind da die teilweise sehr derbe Sprache und Phantasien und auf der anderen Seite sind da Bedürfnisse und Wünsche eines Menschen, der nicht auf seine Behinderung reduziert werden möchte.
Definitiv kein Wohlfühlroman, aber das gibt das Thema auch nicht her. Ich muss es erst mal sacken lassen, macht euch am besten ein eigenes Bild
Shaka spends her days in a care facility, using an electric wheelchair and ventilator to live with muscular myopathy.
Her wealthy parents left her all their money, and she donates it to other charities / causes. She has compassion, even when she could choose bitterness.
She attends virtual college and tweets into the void of the internet to feel some connection to society, and to see who pays attention. She writes erotica for more money to donate, and to probably feel some connection to people. Shaka tweets that she wants to get pregnant to have an abortion. Her male nurse accepts her offer, sending her forward into a series of events that will both test / give her agency.
Very witty writing, very dark / darkly funny, very angry, very moving, very special writing. The dialogue is smooth, the multiple layers of detail feel perfect.
Wie sehen wir Menschen mit Beeinträchtigung? Und wie sehen sie sich selber? Genau da liegen die Kernpunkte des Romans. Den die von einer Muskelerkrankung betroffene Protagonistin erzählt hier schonungslos und provokant von ihrem Leben in einer Pflegeeinrichtung.
Besonders die sexuelle Begierde wird hier sehr feministisch und auch teilweise vulgär auf dieser knappen Seitenanzahl besprochen und lässt einen im Kopf doch wirklich umdenken, sind es doch Themen, mit denen ich mich im Alltag sehr wenig beschäftige. Zu sehen, wie viel sie aus ihrem Leben auf den 16 Quadratmetern ihres Zimmers herausholt, wie viele Träume und Wünsche da in ihr stecken, obwohl sie doch weiß, wie unerreichbar diese sind, lässt einen den gesunden Körper auf eine ganz andere Weise wertschätzen.
Auch der Einblick in den kulturellen Umgang in Japan war spannend, sind Menschen mit Beeinträchtigung doch dort immer noch am Rande der Gesellschaft und kaum integriert.
Trotzdem hätte ich mir ein kleines bisschen mehr von allem gewünscht, Emotionen und auch etwas tiefere Einblicke, die auf 80 Seiten doch ein wenig zu kurz kommen.
Viel von gehört und gelesen, die meisten waren eher unschlüssig oder verwirrt – das machte mich neugierig.
Ich war bereits auf Seite eins maximal verwirrt. Die Formatierung des Textes sowie dessen Inhalt kamen absolut unerwartet, sodass ich es mehrmals lesen musste. Hat mich dann aber absolut gecatcht.
Danach wurde es noch skurriler. Das fängt beim saloppen und irgendwie springenden Schreibstil an. Es liest sich gut, aber manchmal musste ich mehrmals nachlesen, um mitzukommen.
Skurril empfand ich die sehr vielen und größtenteils heftigen Themen, mit denen sich die Protagonistin auseinandersetzt. Manches davon fand ich wirklich spannend, wie beispielsweise der Umgang von Menschen mit Behinderung in Japan. Ein Thema, das mich unerwartet hart getroffen hat. Gut dargestellt fand ich auch das Thema Intimität, wenn man pflegebedürftig ist. Andere Themen dagegen waren wirklich extrem und nur schwer vom Gedankengang nachvollziehbar.
Manche Handlung der Protagonistin war extrem und für mich nicht unbedingt nachvollziehbar. Das war dann irgendwie ein wenig enttäuschend, da sie bei allen anderen Dingen sehr bissig, schlagfertig und gut durchdacht handelt. Klar, auch sie ist nicht perfekt, aber irgendwie fühlte es sich unpassend an. Ein weiteres Manko war für mich der sehr privilegierte Hintergrund der Protagonistin, ich glaube ohne diesen wären die Einblicke noch etwas tiefer gegangen. Wobei es mir an manchen Stellen fast schon zu tief war.
Das Ende war genau wie der Anfang, ein großes Fragezeichen und dadurch zwar ein gut gewähltes Stilmittel, da sich Anfang und Ende somit gleichen, aber irgendwie ließ es mich etwas unzufrieden zurück.
Man muss sich drauf einlassen und bei 80 Seiten ist nicht viel kaputt gemacht. Also ruhig ausprobieren.
Hunchback gewährt einen eindringlichen Einblick in das Innenleben einer behinderten Frau mit scharfem Verstand und messerscharfer Beobachtungsgabe. Ichikawa zeigt dabei mit schonungsloser Klarheit, wie komplex, witzig und tief alltägliche Gedanken sein können – gerade aus einer Perspektive, die viel zu selten literarisch Gehör findet.
„Hunchback“ ist der Debütroman der japanischen Autorin Saou Ichikawa und ist 2023 in Japan erschienen, 2025 dann auf Deutsch. Das Buch wurde mit dem Akutagawa-Preis ausgezeichnet, wobei Ichikawa als erste Autorin mit körperlicher Behinderung diesen Preis erhielt.
Die Geschichte ist sehr kurz (knapp 100 Seiten) und erzählt von Shaka Izawa, einer jungen Frau mit einer angeborenen Muskelerkrankung. Sie lebt in einem Pflegeheim außerhalb Tokios, studiert online und schreibt erotische Geschichten, die sie im Internet veröffentlicht. Die Handlung spielt während der Corona-Pandemie. Wir begleiten Shaka in ihrem Alltag, erleben ihre Gedanken und erfahren von ihrem Wunsch, schwanger zu werden, um danach eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Einfach, weil sie das erleben möchte. Genauso wie eine gesunde Frau.
Man sollte vor dem Lesen vielleicht wissen, dass japanische Literatur manchmal sehr ungewöhnlich sein kann. Auch Hunchback ist kein typischer Roman. Shaka ist eine besondere Protagonistin mit einem starken Willen und fernab jeder Klischeevorstellung einer Frau mit Behinderung.
Themen wie Selbstbestimmung, Körperlichkeit und gesellschaftliche Wahrnehmung stehen im Mittelpunkt.
Ein Buch, das man in wenigen Stunden lesen kann und das man so schnell nicht vergisst.
„Behinderte sind geschlechtslose Wesen, laut Definition der Gesellschaft.“ (Pos. 420)
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Dieses Buch musste ich erst einmal nachspüren, reifen lassen und mir ein paar Gedanken dazu machen.
Saou Ichikawa hat nämlich in #hunchback ein paar ungeschönte Gedanken verewigt, die sich nicht wegignorieren lassen.
Denn das Buckelmonster, unser Hunchback, wirft einen trotzigen Blick auf Behinderungen und Sehnsüchte, die gesellschaftlich korellieren.
Das Buch polarisiert, wird nur mutige Leserschaft interessieren und steht wie ein literarischer Elefant überaus präsent im Raum.
Unsere Protagonistin Izawa Shaka leidet an einer Muskelerkrankung und ist in einem Pflegeheim untergebracht. Ihre verstorbenen Eltern hinterließen ihr eine gehörige Menge Geld, mit dem sie sich, abgesehen von ihrer Behinderung, viele Wünsche erfüllen und alltägliches erleichtern kann. Außer den weiblichen, körperlichen Freuden. Oder gibt es eventuell doch Möglichkeiten?
Kompromisslos baut die Autorin, die selbst an Myopathie erkrankt und auf Rollstuhl und Beatmungsgerät angewiesen ist, riesige Spannungslinien auf und ziseliert mit situativem Röntgenblick jegliche Situation.
Sie weiß also, wovon sie spricht, wenn sie über Beeinträchtigungen schreibt und wirft die Frage in den Raum:
„Durch eine Gesetzesreform im Jahre 1996 gestand man behinderten Frauen zwar endlich offiziell zu, auch zu den »Gebärerinnen« zu gehören, doch durch die Entwicklung und Commoditisierung der Reproduktionsmedizin ist die Tötung von Behinderten für viele Paare inzwischen keine große Sache mehr. Über kurz oder lang wird es gang und gäbe sein.
Was spricht also gegen eine Behinderte, die zum Töten schwanger werden will?“ (Pos. 392)
Ich wünsche euch auf jeden Fall ein mutiges Heraufinden beim Abrufen eurer gesellschaftlichen Normen.
Ein eindrucksvolles literarisches Erlebnis, in dem Sexualität, Körper, Behinderung und damit auch intersektionaler Feminismus miteinander verwoben werden. So roh, makaber und authentisch, wie es nur wenige Debütromane schaffen.
Ich beziehe mich hierbei übrigens auf die englische Version. Die deutsche Übersetzung ist derart ungelenk, dass sie dem Text jegliche Kraft und Dynamik nimmt.
Shaka Izawa wird mit einer Muskelerkrankung geboren und lebt nach dem Tod ihrer Eltern in einem Pflegeheim. Da ihre Wirbelsäule stark verkrümmt ist, ist sie auf einen Rollstuhl und ein Beatmungsgerät angewiesen. Ihre Zeit vertreibt sie sich mit dem Schreiben erotischer Artikel und Kurzgeschichten und dem Teilen ihrer Gedanken auf Social Media – alles anonym, wie sie glaubt. Doch einiges Tages spricht ein Pfleger sie auf ihre Beiträge an, was Shaka nutzt, ihm ein unmoralisches Angebot zu machen.
„Hunchback“ ist der Debütroman der japanischen Autorin Saou Ichikawa, die selbst aufgrund einer angeborenen Myopathie im Rollstuhl sitzt und ein Beatmungsgerät nutzt. Sie ist die erste Schriftstellerin mit einer Behinderung, die den berühmten Akutagawa-Preis erhielt, die deutsche Übersetzung des Textes stammt von Katja Busson. Erzählt wird die Geschichte von der Protagonistin selbst in der Ich- und Gegenwartsform, was das Geschehen sehr eindringlich und unmittelbar wirken lässt.
Shaka spricht in ihren Texten Gedanken aus, die für eine Frau mit Behinderung ungehörig scheinen. „Im nächsten Leben werde ich Edelnutte.“, schreibt sie oder „Ich würde gerne schwanger werden und abtreiben.“ Was zunächst schockierend wirken mag, ist einfach nur Ausdruck des Wunsches nach Normalität, nach Körperlichkeit und Selbstbestimmung – Rechte, die behinderten Menschen nur allzu oft abgesprochen werden. Als sich für Shaka eine Gelegenheit bietet, einen dieser Wünsche aktiv umzusetzen, ergreift sie diese Chance, doch das alles ist nicht so unkompliziert, wie sie es sich vorgestellt hat.
„Hunchback“ ist ohne Frage ein kraftvoller Text, der einen Einblick in das Leben einer behinderten Frau mit all ihren Wünschen und Sehnsüchten gibt und aufzeigt, welchen Beschränkungen und gesellschaftlichen Ansichten sie ausgesetzt ist. Man muss jedoch auch sagen, dass Shaka – trotz ihrer Einschränkungen – ein sehr privilegiertes Leben führt. Sie ist reich, besitzt das gesamte Heim, in dem sie wohnt und hat Einnahmen aus weiteren Immobilien. Sie wird nie im selben Maße so von anderen Abhängigkeit sein, wie wohl der Großteil behinderter Menschen.
Zum Cover:
Mir gefällt das Cover total gut und auch die Farben schauen richtig gut aus.
Zum Inhalt:
In dem Buch „Hunchback“ geht es um Shaka Isawa, der Hauptprotagonistin, die mit einer angeborenen Muskelerkrankung geboren wurde und in einem Pflegeheim außerhalb von Tokio lebt. Sie ist auf einen elektrischen Rollstuhl und ein Beatmungsgerät angewiesen, da sie eine schwere Wirbelsäulenkrümmung hat.
Trotz ihrer Einschränkungen kennt ihr Geist keine Grenzen. Sie studiert online, twittert provokante Statements und veröffentlicht pornografische Geschichten online.
Da sie alle möglichen Erfahrungen ihres weiblichen Körpers ausschöpfen will, sucht sie einen Samenspender. Als sie ihrem neuen Pfleger ein unmoralisches Angebot macht, endet es mit einem verhängnisvollen Ausgang …
Meine Meinung:
Wow. Ein total beeindruckendes Buch über eine starke Frau.
Vor allem auch, denn Punkt wie sie über Literatur spricht, in Hinsicht auf Barrierefreiheit. Es ist richtig bildlich beschrieben, wie schwer es ihr schon alleine fällt, ein Buch zu halten, geschweige den es zu lesen. Und auch die Wut der Protagonistin ist spürbar und lässt einen selber nochmals über die eigenen Privilegien nachdenken.
Für mich war die Geschichte zum Teil auch total berührend, vor allem die Themen, die für sie nie „richtig“ zugänglich sind, wie für viele andere (Weiblichkeit, Sexualität, Körperlichkeit, aber auch der Punkt, dass sie aufgrund ihrer Krankheit/ ihrem deformierten Körper keine Kinder bekommen kann).
Insgesamt ein inspirierendes, feministisches, provokantes Buch, an das ich noch länger denken werde.
"Ich kann keine Mona Lisa werden. Weil ich ein Buckelmonster bin, ein hunchback." (Buchzitat, E-Book, S. 42)
In „Hunchback“ erzählt Saou Ichikawa die Geschichte von Shaka Izawa, einer Frau mit einer seltenen Muskelerkrankung, die in einem Pflegeheim lebt und sich kompromisslos mit Themen wie Sexualität, Autonomie und gesellschaftlicher Ausgrenzung auseinandersetzt. Die Autorin, geboren 1979, studierte Humanwissenschaften an der Waseda-Universität und lebt selbst mit einer angeborenen Myopathie. Mit ihrem Debütroman gewann sie als erste Autorin mit einer körperlichen Behinderung den renommierten Akutagawa-Preis und wurde für den International Booker Prize 2025 nominiert.
Worum geht's genau?
Shaka Izawa lebt nach dem Tod ihrer Eltern in einem Pflegeheim außerhalb Tokios. Aufgrund ihrer schweren Wirbelsäulenkrümmung ist sie auf einen elektrischen Rollstuhl und ein Beatmungsgerät angewiesen. Trotz ihrer körperlichen Einschränkungen ist sie geistig aktiv: Sie studiert online, schreibt erotische Kurzgeschichten und teilt provokante Gedanken auf Social Media. Als ein Pfleger sie auf ihre Beiträge anspricht, nutzt Shaka die Gelegenheit, ihm ein unmoralisches Angebot zu machen, um eine Samenspende zu erhalten. Diese Entscheidung führt zu einer Reihe von Ereignissen, die ihre Sicht auf sich selbst und ihre Umwelt nachhaltig verändern.
Meine Meinung
Ich habe „Hunchback“ als kostenloses Rezensionsexemplar über NetGalley erhalten – vielen Dank an NetGalley und den Ecco Verlag dafür. Mit nur 96 Seiten ist es eher ein Büchlein, doch der Inhalt ist intensiv und vielschichtig.
Von Beginn an wird man direkt in Shakas Gedankenwelt hineingezogen. Ihre scharfsinnigen Beobachtungen und ihr schwarzer Humor machen sie zu einer faszinierenden Erzählerin. Besonders in Erinnerung bleiben wird für mich das Thema Barrierefreiheit in der Literatur: Shakas Schwierigkeiten beim Lesen physischer Bücher werfen ein Licht auf die oft übersehenen Herausforderungen, denen sich Menschen mit Behinderungen gegenübersehen. Auch für mich war wirklich neu, wie vielfältig die Herausforderungen beim Lesen sein können abseits der "bekannten" Behinderungen, die beim Lesen einschränkend sein können. Auch die Darstellung von Shakas Sexualität ist mutig und ehrlich. Ihre Wünsche und Fantasien werden nicht beschönigt, sondern in ihrer ganzen Komplexität gezeigt. Dies bietet eine seltene Perspektive auf das Leben einer Frau mit Behinderung, die sich nach körperlicher Nähe und Selbstbestimmung sehnt. So beispielsweise Shakas provokante Aussagen wie diese hier:
Ich rufe auf dem iPhone meinen privaten Twitter-Account auf und tweete: ›Im Swinger-Club Kondome von der Decke regnen lassen – der Job würde mir auch gefallen.‹ Es ist ein unbedeutender Account, der von niemandem groß gelikt wird. Kein Wunder! Wie soll man auch auf einen Account reagieren, auf dem eine praktisch bettlägerige, schwerbehinderte Frau immerzu grummelt: ›Im nächsten Leben werde ich Edelnutte.‹ (Buchzitat, E-Book, S. 11)
Solche Textstellen wirkt zunächst schockierend, sind jedoch Ausdruck ihres Wunsches nach Normalität und Selbstbestimmung.
Der Schreibstil erinnert stellenweise an einen Essay, was gut zum Text an sich passt. Es ist eine gelungene Mischung aus Autofiktion, Wutrede und poetischer Reflexion. Vielleicht gerade deshalb hat es mich sehr gefesselt, auch wenn ich das Buch sowohl inhaltlich als auch sprachlich stellenweise herausfordernd fand. Die Beziehung zu ihrem Pfleger Tanaka ist komplex und wirft Fragen zu Machtverhältnissen und Autonomie auf. Als begeisterte Musikerin habe ich auch die musikalischen Anspielungen geschätzt, wie die Beschreibung ihrer Kommunikation als atonal, ähnlich wie bei Schönberg.
Fazit
„Hunchback“ ist ein kraftvolles, unbequemes und zugleich humorvolles Werk, das einen neuen Blick auf das Thema Behinderung bietet. Es fordert heraus, regt zum Nachdenken an und bleibt lange im Gedächtnis. Ich vergebe 4 von 5 Sternen.
"Wie eine normale Menschenfrau ein Kind empfangen und abtreiben – das ist mein Traum." (Buchzitat, E-Book, S. 15)
Hunchback ist ein kurzer, aber beeindruckender Roman - und behandelt ein echtes Tabuthema (Sexualität bei Menschen mit körperlicher Behinderung).
Die Autorin Saou Ichikawa ist die erste japanische Autorin mit körperlicher Behinderung die den renommiertesten Literaturpreis Japans gewonnen hat.
Der Roman ist ebenfalls auf der Longlist des Booker Preises für dieses Jahr.
Mir hat der Debütroman von Saou Ichikawa sehr gut gefallen. Eine echt Wucht!
Ein schonungsloser Blick auf Behinderung, Literatur und Selbstbestimmung
„Behinderte sind geschlechtslose Wesen, lautet die Definition der Gesellschaft.“ […]
Hunchback ist eine bemerkenswerte, nur knapp 96 Seiten lange Novelle, die dennoch eine Wucht entfaltet, wie sie selten zu finden ist. Wir werden unmittelbar in die Gedankenwelt der Protagonistin Shaka Izawa hineingeworfen – eine Frau mit einer seltenen Muskelerkrankung, die in einem Pflegeheim nahe Tokio lebt.
Schon auf den ersten Seiten wird deutlich, wie viel körperliche Anstrengung selbst kleinste Handlungen wie das Schreiben ihrer erotischen Geschichten, das Verfassen von Tweets oder das Anschließen an ihr Beatmungsgerät für sie bedeuten.
„Je länger ich lebe, desto mehr zerbreche ich. Ich zerbreche nicht, um zu sterben, ich zerbreche, um zu leben. Ich zerbreche als Beweis dafür, dass ich gelebt habe.“ [….]
Besonders eindrücklich ist die Art, wie Shaka über Literatur spricht: als Symbol der Ausgrenzung. Die Beschreibung, wie schwer es ihr fällt, ein Buch zu halten, umzublättern oder überhaupt zu lesen, ist ein starker Kommentar zu einem Aspekt, der in literarischen Debatten kaum Beachtung findet: Barrierefreiheit. Ihre Wut darüber, dass ihr die Welt der Bücher kaum zugänglich ist, eröffnet eine selten beleuchtete Perspektive auf die Privilegien, die wir als gesunde Menschen in unserer Gesellschaft oft als selbstverständlich hinnehmen.
Shakas Alltag, geprägt von ihrer Krankheit, wird mit einer Mischung aus Direktheit, schwarzem Humor und tiefer Melancholie geschildert. Besonders bewegend sind ihre Gedanken zu Sexualität, Körperlichkeit und Weiblichkeit – allesamt Themen, die für sie nie auf “normale” Weise zugänglich waren. Sie beschreibt offen, dass sie keine Kinder bekommen kann, dass ihr Körper deformiert ist – ohne Selbstmitleid, aber mit schmerzlicher Klarheit.
Hunchback wirkt stellenweise mehr wie ein Essay als eine klassische Erzählung. Doch genau diese Mischung aus Autofiktion, Wutrede und poetischer Reflexion macht den Text so stark. Er ist provokativ, feministisch, unbequem, aber auch stellenweise witzig und stets klug. Es gibt zahlreiche Passagen, die man sich anstreichen möchte – die ich mir angestrichen habe.
Trotz (oder gerade wegen) seiner Kürze hallt dieser Text lange nach. Ich hoffe sehr, dass wir in Zukunft noch mehr von Saou Ichikawa lesen dürfen – wenn es ihre Gesundheit zulässt.
Ein beeindruckendes Leseerlebnis, das mir noch lange im Kopf bleiben wird.
Warum sind die japanischen Bücher, die mich interessieren, eigentlich immer so kurz? Schon wieder finde ich, dass die Story Potential für mehr hergegeben hätte.
Die Geschichte interessierte mich vor allem, da es zunächst ähnlich wie der Film 37 Seconds klang: Eine japanische, behinderte Frau entdeckt ihre Sexualität.
Zudem kann es ja interessant sein, über die Themen Sexualität und Behinderung in einem noch eher konservativen Land wie Japan zu lernen. (Scheint für die Betroffenen dort nicht so geil zu sein. Man wird wohl eher nur aus der Gesellschaft ausgeschlossen.)
Das Buch zeigt genau das, sowie weitere ableist Situationen im Alltag und die Wünsche/Träume von der Protagonistin.
Das Ende und wie's geschrieben wurde hat mir jedoch gar nicht gefallen.