
Wichtiges Sachbuch zur (Neu-)Einordnung prägender Theorie-Entwürfe der »French Theory« in ihre kolonialen Verwobenheiten
»Die koloniale Amnesie in der französischen Gesellschaft ist auch ein wichtiger Grund, warum die kolonialen Dimensionen der französischen Theorie dort so lange unbeachtet blieben.« (Erdur 2024, S. 278) »Die Protagonisten der französischen Theorie sind für mich ebenfalls Fremde. Sie sind in die Schule des Südens gegangen, wurden sich selbst dabei fremd, ihrer Sprache und ihrer Nation, und haben dadurch ihre Philosophie und ihren Stil gefunden.« (ebd., S. 280) Vor ein paar Wochen lief ich in Kreuzberg an dem oh*21 vorbei und entdeckte Onur Erdurs „Schule des Südens. Die kolonialen Wurzeln der französischen Theorie“ hinter dem Schaufenster. Schon alleine der Blick auf das Buch rüttelte Erinnerungen aus meiner Studienzeit wach und ich dachte ein wenig über Pierre Bourdieu nach, wusste, dass er seinen französischen Wehrdienst sowie einige Zeit im Wissenschaftsbetrieb im durch Frankreich kolonisierten Algerien verbrachte und versuchte mir zu erdenken, inwieweit seine Soziologie und das Habituskonzept durch seinen Aufenthalt und seine ethnographischen Forschungen beeinflusst waren. Und zack: Mein Interesse an Erdurs Werk war geweckt. Schade nur, dass es Sonntag war und ich an dem Tag nicht durch das Buch blättern konnte. Ich will ehrlich sein, als ich dann kurze Zeit später erfuhr, dass dieses 335-seitige Sachbuch uns für die Hotlist 2024 als Pat*innenbuch zugeteilt wurde, hatte ich erst einmal großen Respekt. Ich wusste echt nicht, was mich erwarten würde, vermutete eine theoretische, historisch-philosophische Abhandlung, aber war insgeheim auch schon ein bisschen neugierig. So viel vorweg: Meine Befürchtungen sollten sich nicht bewahrheiten und meine Neugier vermischte sich mit einer Leselust und einer Wissbegierigkeit, die ich so schon länger nicht mehr empfand. Zum Inhalt: Onur Erdur porträtiert in seinem Werk acht Intellektuelle der französischen Theorie, skizziert kurz deren Haupttheorieentwürfe nach und verbindet schlussendlich biografische sowie theoretische Aspekte, um die Wissenslücke zur Verwobenheit der kolonialen Erfahrungen der Intellektuellen zu schließen. Erdur behauptet: „In seiner schlichtesten Fassung lautet mein Argument, dass zentrale Schlagwörter und Werke der französischen Theorie ohne die kolonialen Grenz- und Differenzerfahrungen ihrer Protagonisten nicht zu verstehen sind.“ (S. 13). Namentlich geht es um: Pierre Bourdieu, Jean-Françios Lyotard, Roland Barthes, Michel Foucault, Jacques Derrida, Hélène Cixous, Étienne Balibar sowie Jacques Rancière. Acht Einzelessays bilden das Kernstück des Buches, jeder Essay kann für sich stehen und alle lassen sich unabhängig voneinander lesen. Mitunter treten Querverbindungen der einzelnen Protagonist*innen untereinander auf und zusätzlich gibt es auch Verweise zu anderen bekannten Denker*innen wie Albert Camus, Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre oder auch Frantz Fanon. Interessant ist, dass der Autor um jeweils zwei aufeinanderfolgende Intellektuelle eine thematische Klammer gesetzt hat, so dass in kontextuellen Rahmen ähnliche „Grenz- und Differenzerfahrungen“ sichtbar werden. Bourdieu und Lyotard verbrachten lange Zeit im kolonisierten Algerien in den 50ern; Barthes und Foucault müssen sich (posthum) der Kritik, einen neokolonialen Hedonismus in Marokko und Tunesien gefrönt zu haben, stellen; Derrida und Cixous als jüdische und geborene Algerienfranzös*innen teilten verschränkte Identitätsbrüche in Kombination mit Diskriminierungserfahrungen aufgrund von Herkunft, Religion und Geschlecht; Balibar und Rancière wuchsen beide hauptsächlich in einem Frankreich nach dem Algerienkrieg auf und politisierten sich antirassistisch im Zuge dessen bzw. auch aufgrund des polizeilichen Gewaltmassakers gegen Algerier*innen am 16. Oktober 1961 in Paris, das bis in die 90er Jahre einer „kolonialen Amnesie in der französischen Gesellschaft“ (S. 278) unterlag. Dem Ende des Buches widmet Erdur ein eigenes Kapitel, indem er eine Lanze für die französische Theorie bricht, die zu unrecht und viel zu simplifizierenden Weise von rechten Diskursen für Kampfbegriffe wie „Wokeness“, „Cancel Culture“ oder „Identitätspolitik“ instrumentalisiert wird. Insbesondere die Trugschlüsse, die zu Derridas Gedanken zur Dekonstruktion, in denen Rechte einen Brandstifter sehen, gezogen werden, deckt Erdur nachvollziehbar auf. Fazit: Ich bin begeistert durch die einzelnen Kapitel geflogen, habe neue Einblicke gewinnen können und mir unzählige Literaturverweise und Referenzen mitgenommen. Gerade für die Sensibilisierung für die algerische Vergangenheit unter der Kolonialherrschaft Frankreichs bin ich dem Autor sehr dankbar, weil ich gemerkt habe, dass ich da noch viele blinde Flecken habe - gesellschaftlich, philosophisch wie auch historisch. Das Buch bietet einen ausgezeichneten Einstieg in Denkweisen französischer Intellektueller und bleibt durchgehend sprachlich sehr verständlich. Wer schon tiefer in der Materie philosophischer Theorie steckt, der findet hier ein neues Interpretationsangebot, inwieweit die Werke kolonial (vor)geprägt sind - und, in das es sich lohnt reinzublicken!
