18. März
„Wahrscheinliche Herkünfte“ ist sprachlich so dicht und besticht mit brachialer Ehrlichkeit und Deutlichkeit, ohne sich in Worten zu verirren. Das Buch will an die sprachlichen Wurzeln unserer eigenen Existenz, kann aber eben nur „wahrscheinlich“ bleiben, weil unsere Möglichkeiten auch durch den Tod und das Schweigen begrenzt sind. Dennoch bietet es Anregungen zu Hauf, um sich selbst mit Sprache in Beziehung zu setzen und strukturelle Machtverhältnisse wie Sexismus und Rassismus prozesshaft artikulierbar zu machen.
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„Wahrscheinliche Herkünfte“ ist sprachlich so dicht und besticht mit brachialer Ehrlichkeit und Deutlichkeit, ohne sich in Worten zu verirren. Das Buch will an die sprachlichen Wurzeln unserer eigenen Existenz, kann aber eben nur „wahrscheinlich“ bleiben, weil unsere Möglichkeiten auch durch den Tod und das Schweigen begrenzt sind. Dennoch bietet es Anregungen zu Hauf, um sich selbst mit Sprache in Beziehung zu setzen und strukturelle Machtverhältnisse wie Sexismus und Rassismus prozesshaft artikulierbar zu machen.

„Eine Erzählung voller Schweigen staut sich auf und setzt sich fort. Eine Erzählung voller Verbote provoziert Konflikte. Verwandelt Schweigen in Gewalt. Verwandelt Gewalt in Geschichte. Verbietet wieder. Und wieder. Schweigt. Wieder und wieder. Wird laut und eindeutig. Eine Deutung. Keinen Deut anders.“ (Žic 2023, S. 131) Die Theaterregisseurin und Dramatikerin Ivna Žic legt mit „Wahrscheinliche Herkünfte“ eine Text-Collage unterschiedlicher Perspektiven (Referat, Erzählungen und Briefauszüge) zur Ergründung der Frage vor, wie man von einer Vergangenheit erzählt, die man selbst nicht erlebt hat. Die Frage mag zunächst banal klingen, jedoch nimmt sie beim genauen Blick darauf so viele Formen an, dass es wie eine schier endlose Reise erscheinen mag. Žic postuliert, wenn wir sprechen, sprechen wir Gegenwart. Doch jedes Wort, das wir nutzen, jeder Name, jede Redensart und auch jedes Schweigen, jedes nicht reden wollen und nicht reden können, zieht eine Geschichte nach sich, der es lohnt, auf den Grund zu gehen. So erfahren wir im Buch unter anderem, wie sich Žic als Kind mit ihrem Namen auseinandersetzt oder was es bedeutet, als Kind kroatischer Eltern die schweizerische Staatsbürgerschaft zu erlangen. Wir begleiten die Autorin dabei, wie sie das Schweigen verstehen will, warum ihre Großmütter nicht reden und ihr Großvater über seine Erlebnisse Ende des Zweiten Weltkriegs in Bleiburg/Pliberk nicht reden wollten und konnten. Und zuletzt bekommen wir als Leser*innen noch den Einblick in den Austausch und Briefwechsel mit Lubna Abou Kheir und wie die durch Gesellschaft erfundene Begrifflichkeit der „gebrochenen Sprache“ mehr über Machtverhältnisse in der Gesellschaft verrät, als dass er als natürlich mit Literatur in Verbindung gebracht wird. „Wahrscheinliche Herkünfte“ ist sprachlich so dicht und besticht mit brachialer Ehrlichkeit und Deutlichkeit, ohne sich in Worten zu verirren. Das Buch will an die sprachlichen Wurzeln unserer eigenen Existenz, kann aber eben nur „wahrscheinlich“ bleiben, weil unsere Möglichkeiten auch durch den Tod und das Schweigen begrenzt sind. Dennoch bietet es Anregungen zu Hauf, um sich selbst mit Sprache in Beziehung zu setzen und strukturelle Machtverhältnisse wie Sexismus und Rassismus prozesshaft artikulierbar zu machen. Absolute Leseempfehlung und mit Sicherheit eines meiner Highlights dieses Jahr!

Wahrscheinliche Herkünfte
Wahrscheinliche Herkünfteby Ivna ŽicMatthes & Seitz Berlin