
Düster, verstörend und emotional erschreckend nahbar
Mit dem Roman "Erde" liefert John Boyne einen zweiten Band ab, der tief unter die Haut geht und sich länger im Kopf festsetzt. Im Mittelpunkt steht Evan, ein erfolgreicher Fußballspieler, der nach außen hin alles zu haben scheint. Doch hinter der Fassade tragen ihn die Schatten seiner Kindheit bis ins Erwachsenenleben hinein. Geprägt von Gewalt, Angst und dem ständigen Mangel an Liebe versucht Evan verzweifelt, seinen eigenen Weg zu finden und verliert sich dabei immer mehr in den dunklen Seiten seiner selbst. Schon die Grundidee zeigt, dass es hier nicht um einfache Wahrheiten oder klare Grenzen zwischen Gut und Böse geht, sondern um die Frage, was aus einem Menschen wird, wenn er nie gelernt hat, wie sich echte Nähe anfühlt. Der zweite Band hatte es wirklich in sich und hat für mich im Vergleich zum ersten Teil nochmal eine Schippe draufgelegt. Während Band 1 schon bedrückend war, wirkte Erde auf eine andere Art intensiver. Nahbarer. Vielleicht gerade deshalb, weil sich der Blickwinkel verändert. Man betrachtet nicht mehr nur das Opfer, sondern bewegt sich plötzlich irgendwo zwischen Opfer und Täter. Und genau da wird es unangenehm. Nicht schockierend unangenehm, sondern emotional kompliziert. Evan ist keine Figur, die man einfach nur mögen oder hassen kann. Und genau das fand ich so stark geschrieben. Man leidet mit ihm, weil das, was er als Kind durch seinen widerwärtigen Vater erleben musste, wirklich kaum auszuhalten ist. Diese Szenen haben bei mir teilweise körperliches Unbehagen ausgelöst, einfach weil Boyne sie so nüchtern und gleichzeitig so eindringlich beschreibt. Dieses Gefühl, dass einem als Kind jede Form von Sicherheit genommen wird. Dass Liebe immer an Schmerz gekoppelt ist. Das ging echt unter die Haut. Und trotzdem bleibt es nicht bei reinem Mitgefühl. Das Buch zwingt einen irgendwann dazu, sich die unangenehme Frage zu stellen, warum Evan handelt, wie er handelt. Niemals als Entschuldigung aber als Versuch zu verstehen, wie kaputt ein Mensch innerlich werden kann, wenn er sein ganzes Leben lang nur nach einem einzigen kleinen Funken Liebe sucht und dabei völlig verlernt, was Nähe eigentlich bedeutet. Genau diese Ambivalenz fand ich unglaublich stark umgesetzt. Ich habe mich beim Lesen mehrfach dabei ertappt, wie ich gleichzeitig abgestoßen war und trotzdem wissen wollte, wie es weitergeht. Besonders beeindruckt hat mich außerdem, wie ruhig und ergreifend der Sprecher Richard Lingscheit die Geschichte erzählt hat. Ser Roman selbst hat keine übertriebene Dramatik, keine künstlichen Cliffhanger und trotzdem baut sich ständig diese schwere Atmosphäre auf. Dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Dass alles irgendwann eskalieren muss. Und genau dadurch wirken die emotionalen Momente noch härter. Für mich war der zweite Band deshalb sogar stärker als der erste. Es moralisiert nicht ständig und erklärt nicht jede Emotion bis ins Kleinste. Viele Gedanken wirken roh, unfertig, manchmal fast chaotisch aber genau dadurch eben echt. Es ist düster, Verletzend jnd auch grausam. Aber es ist eines der Bücher, das hängen bleibt.



