19. Mai
Düster, verstörend und emotional erschreckend nahbar
Rating:4.5

Düster, verstörend und emotional erschreckend nahbar

Mit dem Roman "Erde" liefert John Boyne einen zweiten Band ab, der tief unter die Haut geht und sich länger im Kopf festsetzt. Im Mittelpunkt steht Evan, ein erfolgreicher Fußballspieler, der nach außen hin alles zu haben scheint. Doch hinter der Fassade tragen ihn die Schatten seiner Kindheit bis ins Erwachsenenleben hinein. Geprägt von Gewalt, Angst und dem ständigen Mangel an Liebe versucht Evan verzweifelt, seinen eigenen Weg zu finden und verliert sich dabei immer mehr in den dunklen Seiten seiner selbst. Schon die Grundidee zeigt, dass es hier nicht um einfache Wahrheiten oder klare Grenzen zwischen Gut und Böse geht, sondern um die Frage, was aus einem Menschen wird, wenn er nie gelernt hat, wie sich echte Nähe anfühlt. Der zweite Band hatte es wirklich in sich und hat für mich im Vergleich zum ersten Teil nochmal eine Schippe draufgelegt. Während Band 1 schon bedrückend war, wirkte Erde auf eine andere Art intensiver. Nahbarer. Vielleicht gerade deshalb, weil sich der Blickwinkel verändert. Man betrachtet nicht mehr nur das Opfer, sondern bewegt sich plötzlich irgendwo zwischen Opfer und Täter. Und genau da wird es unangenehm. Nicht schockierend unangenehm, sondern emotional kompliziert. Evan ist keine Figur, die man einfach nur mögen oder hassen kann. Und genau das fand ich so stark geschrieben. Man leidet mit ihm, weil das, was er als Kind durch seinen widerwärtigen Vater erleben musste, wirklich kaum auszuhalten ist. Diese Szenen haben bei mir teilweise körperliches Unbehagen ausgelöst, einfach weil Boyne sie so nüchtern und gleichzeitig so eindringlich beschreibt. Dieses Gefühl, dass einem als Kind jede Form von Sicherheit genommen wird. Dass Liebe immer an Schmerz gekoppelt ist. Das ging echt unter die Haut. Und trotzdem bleibt es nicht bei reinem Mitgefühl. Das Buch zwingt einen irgendwann dazu, sich die unangenehme Frage zu stellen, warum Evan handelt, wie er handelt. Niemals als Entschuldigung aber als Versuch zu verstehen, wie kaputt ein Mensch innerlich werden kann, wenn er sein ganzes Leben lang nur nach einem einzigen kleinen Funken Liebe sucht und dabei völlig verlernt, was Nähe eigentlich bedeutet. Genau diese Ambivalenz fand ich unglaublich stark umgesetzt. Ich habe mich beim Lesen mehrfach dabei ertappt, wie ich gleichzeitig abgestoßen war und trotzdem wissen wollte, wie es weitergeht. Besonders beeindruckt hat mich außerdem, wie ruhig und ergreifend der Sprecher Richard Lingscheit die Geschichte erzählt hat. Ser Roman selbst hat keine übertriebene Dramatik, keine künstlichen Cliffhanger und trotzdem baut sich ständig diese schwere Atmosphäre auf. Dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Dass alles irgendwann eskalieren muss. Und genau dadurch wirken die emotionalen Momente noch härter. Für mich war der zweite Band deshalb sogar stärker als der erste. Es moralisiert nicht ständig und erklärt nicht jede Emotion bis ins Kleinste. Viele Gedanken wirken roh, unfertig, manchmal fast chaotisch aber genau dadurch eben echt. Es ist düster, Verletzend jnd auch grausam. Aber es ist eines der Bücher, das hängen bleibt.

Erde (Die Elemente 2)
Erde (Die Elemente 2)by John BoyneAudio Verlag München
30. Dez.
Das Erzählprojekt um die Elemente nimmt Gestalt an
Rating:4

Das Erzählprojekt um die Elemente nimmt Gestalt an

Nach dem ersten Band "Wasser" wusste ich noch nicht so recht, wohin die Reise dieser Reihe gehen wird. Die Inhaltsangaben ließen nicht darauf schließen, dass die Bände der Reihe nach gelesen werden sollten, aber nach dem zweiten Band kann ich nun sagen, dass die Bände super einzeln zu lesen sind, aber dennoch zusammenhängen. Mir sind hier im Verlauf einige bekannte Namen und Situationen zu Ohren gekommen, die mich an den ersten Band zurückdenken lassen haben. Allein der Grundpfeiler Profifußballer gefällt mir von der Thematik nicht so sehr, wie der Neuanfang einer Ehefrau in Band 1. Dennoch konnte ich mich hörend nach und nach gut auf die Geschichte einlassen. Sehr schnell habe ich herausgehört, dass Evan alles andere werden wollte, als Fußballprofi. In ihn steckt und schreit Kreativität, die aber niemand so sehen mag. Sein Vater, eine Art Machtlosigkeit und das seine Kunst nicht anerkannt wird, lassen ihn einen anderen Weg einschlagen. Einen Weg, den er wählt, einfach weil er es kann und weil er im Fußballverein eine Art Sicherheit aufspürt, Robbie. Man spürt allerdings, dass keinerlei Leidenschaft und Freude hinter dem Fußballsport steht. Auch das Leben eines Fußballprofis passt überhaupt nicht zu Evan. Der Autor und auch Evan machen es nicht zum Geheimnis, dass Evan homosexuell ist und mit den ganzen Partys und den Fangirls nicht viel anfangen kann. Er hängt sich an Robbie und das nicht nur aus sexuellem Interesse. Diesen Zusammenhang zu Robbie möchte ich an dieser Stelle aber etwas im Dunkeln lassen. Dies erzählte eine dunkle Geschichte seiner Vergangenheit. Es sei gesagt, dass John Boyne hier ganz geschickt strickt und ich diese ineinandergreifenden Komponenten sehr mochte. Nach einer partywütigen Nacht gerät Evans Leben erneut aus den Fugen. Er und sein Fußballkollege Robbie werden der Vergewaltigung angeklagt. Der Prozess selbst nimmt nur einen kleinen Teil der Geschichte ein, was ich gut fand. Dem Drumherum habe ich viel lieber gelauscht. Vor allem die vielen Rückblicke in die Vergangenheit haben wir gut gefallen. Evan schaut zurück: auf alte Freundschaften und auf beinahe Vergessendes, auf eine Flucht vor seinem früheren Leben und die Frage, wie konnte es nur so kommen. Das Thema Schuld trägt hier wieder eine besondere Rolle. Dieses Mal habe ich mich deutlich schwieriger getan, für mich einzuschätzen, wer hier schuldig ist und was diese Schuld für Folgen trägt. Wie bereits im ersten Hörbuch hat auch der Sprecher hier, Richard Lingscheidt, sehr gut zur Geschichte und zum Protagonisten Evan gepasst. Wie der Prozess entschieden wird, was den beiden Fußballern überhaupt alles vorgeworfen wird und welche Geister aus der Vergangenheit Evan einholen, erfahrt ihr, wenn ich einen Lausch in das Hörbuch oder ein Auge ins das Buch werft. Fazit Es ist schwer zu bewerten, aber mir hat Band 1 ein wenig besser gefallen. Ob es nur an den Grundpfeilern, wie Ausgangsituation und Erzähler liegt, kann ich gar nicht sagen. Dennoch kann ich auch für diesen Band eine Leseempfehlung aussprechen.

Erde (Die Elemente 2)
Erde (Die Elemente 2)by John BoyneAudio Verlag München