
Ein Sturm, der mehr verspricht, als er hält
In „Der Sturm“ kehrt eine Familie auf eine abgelegene Insel zurück, auf der einst ein enger Freundeskreis durch ein Unglück auseinandergerissen wurde. Jahre später wirft ein neuer Todesfall Fragen auf, die tief in die Vergangenheit reichen. Nach und nach wird klar, dass die damaligen Ereignisse nicht so eindeutig waren, wie lange angenommen. Jane Harper erzählt ruhig und kontrolliert. Die Sprache ist klar, gut verständlich und sauber übersetzt von Matthias Frings. Man kommt gut durch die Seiten, ohne sich an Formulierungen aufzuhalten. Das passt zur grundsätzlichen Ausrichtung des Romans, der eher über Atmosphäre und Figuren funktioniert als über Tempo. Allerdings liegt genau hier auch das Problem. Die Geschichte entwickelt sich sehr langsam. Spannung entsteht eher schleichend und baut sich nicht konstant auf. Es gibt immer wieder Abschnitte, in denen die Handlung kaum vorankommt. Das kann man als bewusst gesetzte Ruhe lesen, fühlt sich stellenweise aber auch zäh an. Hinzu kommt die große Zahl an Figuren. Viele Namen, viele Verbindungen, viele Rückblicke. Das ist grundsätzlich interessant, weil die Gruppe glaubwürdig gezeichnet ist. Gleichzeitig bremst es den Lesefluss. Man muss öfter innehalten und sortieren, wer gerade welche Rolle spielt. Positiv ist, dass Harper ihre Fäden am Ende sauber zusammenführt. Die Auflösung ist schlüssig und wirkt nicht konstruiert. Die Motive sind nachvollziehbar, die Figuren bleiben in sich stimmig. Das gibt dem Roman einen runden Abschluss. Unterm Strich ist „Der Sturm“ ein solider Thriller mit starker Atmosphäre, aber zu wenig Zug. Wer ruhige, charaktergetriebene Geschichten mag, wird hier gut bedient. Wer mehr Tempo erwartet, könnte etwas Geduld brauchen. 3,5 von 5 Sternen.




















