Leider mehr „Sartre“ als „de Beauvoir“…
Ich bin Fan von Reihen über bedeutende Frauen der Geschichte und war daher sehr gespannt auf das Buch über Simone de Beauvoir. Leider musste ich feststellen, dass es in diesem Buch fast ausschließlich um Sartre geht. Klar, dass zu der Zeit eine Frau kaum ohne Mann in der Gesellschaft existieren kann, aber dafür hätten es auch ein paar Absätze oder gelegentliche Erwähnungen getan. Kaum eine Seite kommt ohne Sartre aus, über de Beauvoir erfahren wir herzlich wenig, was nicht im Kontext zu ihm (oder wahlweise anderen Liebhabern) steht. Es findet erschöpfend häufige Erwähnung, dass sie scheinbar ohne ihn nicht leben konnte und ständig auf Kosten ihrer eigenen Karriere wahlweise ihm hinterher geweint, hinterher gereist oder seine Texte korrekturgelesen hat. Tragisch, und passt nicht zu dem Bild, das ich nach dem Lesen ihrer eigenen berühmten Bücher von ihr hatte. Die Idee zu ihrem bahnbrechenden Buch „Das andere Geschlecht“ wird erstmals auf Seite 390 erwähnt. Das Buch hat 427 Seiten. Letztendlich wird das (again!) BAHNBRECHENDE Buch de Beauvoirs auf ca. 5 Seiten abgehandelt, bevor es dann wieder um - wen wohl - Sartre geht. So endet auch das Buch, es geht mal wieder um ihn. Ebenso auch im Nachwort der Autorin, in dem übrigens auch der Erhalt des Prix Goncourt (höchster französischer Literaturpreis) im Jahre 1954, was für eine Frau zu der Zeit eine absolute Wahnsinnsleistung war, in einem Satz abgehandelt wird. Auch die Idee des Buchtitels „das andere Geschlecht“ wird natürlich einem Liebhaber zugedacht und Sartre bereits in den Klappentexten mehrfach als brillantes Genie beschrieben - ganz im Gegensatz zu ihr. Nach dem Lesen dieses Buchs bekommt man den Eindruck, dass Simone de Beauvoir ein Schatten Sartres war, aus dem sie nie wirklich heraustreten konnte, und der Satz der Autorin, mit dem Buch Traditionen in Frage stellen zu wollen, irritiert zutiefst. Kritisiert sie doch am Ende, dass de Beauvoir nur im Zusammenhang mit bzw. als Anhängsel von Sartre gesehen wird und schreibt ihr eigenes Buch über de Beauvoir dann fast gänzlich über die Beziehung zu Sartre. Wäre es in einem Buch über einen berühmten Mann wohl denkbar, fast das gesamte Buch nur über seine brillante Geliebte zu schreiben? Da wollte de Beauvoir doch Frauen eben nicht mehr ausschließlich in Abhängigkeit zu Männern sehen und hier ist genau dies geschehen. Es ist wirklich schade und eine vertane Chance.






