Die Entmythisierung des Josef Mengele
Olivier Guez widmet sich einem der berüchtigtsten NS-Verbrecher und seinem ominösen Fluchtweg durch Südamerika: dem sogenannten „Todesengel von Auschwitz“. Dabei nutzt Guez weder einen rein historisch-wissenschaftlichen Bericht noch einen vollständig fiktionalen Roman, sondern wählt die Form eines dokumentarisch-literarischen Hybrids. Diese Herangehensweise erlaubt es ihm, akribische Quellenarbeit mit literarischen Mitteln zu verbinden und so ein zugleich lehrreiches wie spannendes Werk für ein breites Publikum zu schaffen. Neben der unbequemen und durchaus eindringlichen Biografie Josef Mengeles thematisiert Guez auch die relevanten gesellschaftlichen und politischen Verstrickungen, die dessen Flucht und jahrelangen Aufenthalt in Südamerika überhaupt erst ermöglichten. Der Fokus liegt dabei ebenso auf den Unterstützern, Netzwerken und staatlichen Strukturen, die Mengeles Untertauchen begünstigten. Besonders gelungen ist Guez Bestreben, Mengele zu entmythisieren, ohne ihn dabei psychologisch zu entschuldigen. Es wird kein Bild eines monströsen Überwesens gezeichnet, sondern das eines kleinlichen, paranoiden und zutiefst indoktrinierten Menschen, der zunehmend in Isolation und Bedeutungslosigkeit abrutscht. Ebenso überzeugend ist die Erweiterung der Schuldperspektive: Weg vom alleinigen Individuum, hin zum Kollektiv. Ohne das bestehende Netzwerk aus Helfern und Mitwissern wäre Mengeles jahrelanges Versteckspiel kaum möglich gewesen. Wer jedoch einen stark spannungsgeladenen Roman erwartet, dürfte enttäuscht werden. Der Text erzeugt bewusst eine gewisse literarische Leere, die von Distanz und Kälte begleitet wird. Der Erzählstil bleibt nüchtern und überwiegend berichtend; Guez verzichtet weitgehend auf erzählerische Tiefe. Darunter leidet stellenweise auch die Figurenzeichnung Josef Mengeles, dessen Innenleben eher sachlich als psychologisch differenziert dargestellt wird. Resümierend lässt sich festhalten, dass Das Verschwinden des Josef Mengele einen wichtigen Beitrag zur Erinnerungs- und Täterliteratur leistet und ein außerordentlich gut recherchiertes, historisch fundiertes Werk darstellt. Für stilistisch stark orientierte Leserinnen und Leser, die besonderen Wert auf literarische Tiefe und psychologische Ausarbeitung legen, ist das Buch jedoch nur bedingt empfehlenswert.










