20. Dez.
Rating:4

Zwischen Birken und Brüchen der Geschichte

Die Geschichte spielt auf zwei Zeitebenen und an zwei sehr unterschiedlichen Orten: Estland, 1938/1939: Die junge Charlotte, Teil einer deutschbaltischen Gemeinschaft, verliebt sich leidenschaftlich in den Esten Lennart. Ihre Liebe und ihre Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft werden durch den bevorstehenden Ausbruch des Zweiten Weltkriegs auf dramatische Weise bedroht. Die politischen Umbrüche, Kriegswirren und nationalistische Spannungen stellen ihre Beziehung und ihr Leben auf eine schwere Probe.  Schleswig-Holstein, 1977: Jahrzehnte später lebt Gesine auf dem „Birkenhof“. Sie verliebt sich in den Pferdetrainer Grigori, doch auch ihre Liebe endet jäh, als er plötzlich verschwindet. Ihre Suche nach ihm führt sie nicht nur durch die familiäre Vergangenheit ihres eigenen Lebens, sondern immer tiefer hinein in die Abgründe europäischer Geschichte und die Geheimnisse einer Familie. „Die Zeit der Birken“ von Christine Kabus ist ein Roman, der tief in die Geschichte eintaucht – manchmal fast dokumentarisch. Die Fülle an historischen Informationen ist spürbar und verlangt Aufmerksamkeit, wirkt aber nie beliebig. Vielmehr bildet sie das tragende Gerüst der Geschichte und macht das Erzählte glaubwürdig und eindringlich. Gerade diese Nähe zur historischen Realität verleiht dem Buch seine besondere Schwere. Die Schicksale der Figuren stehen sinnbildlich für eine ganze Zeit voller Verlust, Umbrüche und Schmerz. Das macht das Lesen nicht immer leicht, aber genau darin liegt auch die Stärke des Romans: Er beschönigt nichts, sondern zeigt, wie sehr große Geschichte in das Leben einzelner Menschen eingreift. Trotz der Informationsdichte bleibt die Geschichte gut lesbar und emotional. Die Atmosphäre ist oft still, melancholisch und durchzogen von Traurigkeit – eine Traurigkeit, die lange nachwirkt. „Die Zeit der Birken“ ist kein leichtes Buch, aber ein lohnendes: für alle, die historische Romane mögen, die berühren, nachdenklich machen und noch eine Weile im Kopf bleiben.

Die Zeit der Birken
Die Zeit der Birkenby Christine KabusAufbau TB
4. Sept.
Rating:3

Was mir an Christine Kabus Roman „Die Zeit der Birken“ besonders gefallen hat war, dass ich mir ein paar geschichtliche Details mitnehmen konnte, die mir bislang unbekannt waren. Ich fand es sehr interessant, dass in den 30er Jahren viele Deutsche in Estland lebten, die während des zweiten Weltkriegs nach Deutschland ausgesiedelt wurden und alles hinter sich lassen mussten. Über die Geschichte des Baltikums weiß ich so gut wie nichts und dieser Roman weckte in mir den Wunsch, tiefer in die Materie einzusteigen. „Die Zeit der Birken“ erzählt zwei verschiedene Geschichten. In den 30er Jahren lebt Charlotte in Estland. Sie fühlt sich oft von ihren Eltern, die sehr auf Konventionen und eine standesgemäße Ehe pochen, eingeengt. Als sie zu ihrem Onkel auf dessen Gestüt zieht, blüht sie in ihrer neuen Freiheit auf, wird selbständig und verliebt sich. Alles scheint wunderbar, bis das Schicksal grausam zuschlägt. Im zweiten Erzählstrang geht es um Gesine, die Ende der 70er Jahre ebenfalls mit der Strenge ihrer Eltern zu kämpfen hat. Was mir gut gefallen hat, war die große Rolle, die Pferde in der Geschichte spielen, da ich schon als Teenager Pferderomane sehr gerne gelesen habe. Auch fand ich die Namen sowie den Alltag der vornehmen Herrschaften interessant und teilweise amüsant. Die einzelnen Kapitel sind relativ kurz, durchschnittlich um die 10 Seiten. In diesem Fall hätte ich mir längere Kapitel gewünscht. Es sind zwei komplett unterschiedliche Geschichten, die hier erzählt werden und der häufige Wechsel hat mich immer wieder aus meinem Lesefluss gerissen, was mich insbesondere am Anfang gestört hat. Allgemein hätte das Buch für meinen Geschmack etwas kürzer sein können. Durch die fast 600 eng beschriebenen Seiten verliert sich die Erzählung manchmal ein wenig in Nebensächlichkeiten und das Tempo entwickelt sich recht gemütlich. Im direkten Vergleich hat mich Charlottes Handlungsstrang mehr mitgerissen. Die Thematiken fand ich hier sehr vielfältig: Erwachsenwerden, die Suche, nach dem eigenen Platz im Leben, Liebe, Schicksalsschläge... Gesines Geschichte fokussiert sich überwiegend auf die Beziehung zu Pferdetrainer Grigori. Auf den letzten 150 Seiten werden die beiden Erzählstränge miteinander verflochten. Etwas vorhersehbar und unrealistisch, aber trotzdem mitreißend und das Erzähltempo zieht zum Finale auch ordentlich an. Alles in allem hat mir dieses Buch gut gefallen.

Die Zeit der Birken
Die Zeit der Birkenby Christine KabusAufbau TB