22. Aug.
Rating:3

Ich gebe zu, ich hatte mir insgesamt etwas anderes vorgestellt. Denn vom Klappentext her, könnte man meinen das es von Anfang an vor allem um Vickis Arbeit rund um den Buchladen gehen würde. Stattdessen dreht sich eigentlich insgesamt um Vickies Leben und ihre Versuche sich als Frau zu emanzipieren. Gleichzeitig merkt sie dabei aber immer wieder, das dies gar nicht so einfach ist. Denn als Frau in den 20er-Jahren ist sie immer darauf angewiesen, das Männer ihr Erlauben etwas zu tun. Ob sie nun die Unterschrift des Ehemannes braucht oder wenn sie geschieden wäre, die des Vaters, oder in der psychiatrischen Klinik ihre Unterschrift nichts gilt, obwohl es sich um ihren eigenen Bruder handelt. Es geht also etwa die Hälfte des Romans vor allem Vickies Traum überhaupt einen solchen Buchladen zu haben und auch trotz ihrer Familie selbständig und unabhängig zu werden. Was mir dabei wirklich gut gefällt, ist das Joan Weng einen eher locker, flockigen Ton anstimmt und es ihr trotzdem gelingt, Tiefe in die Handlung einzubauen, ohne ihren unterhaltenden Tonfall zu verlieren. So streut sie immer wieder Dinge ein, die dafür Sorgen das Frauen in der Weimarer Republik nach wie vor kaum Rechte haben. Und auch wie schwer es ist, einerseits emanzipiert sein zu wollen, andererseits aber eingeschränkt im eigenen Lebensentwurf zu sein. Das Frauen überhaupt berufstätig sind - noch dazu wenn sie verheiratet sind - das ist eigentlich auch im Berlin der 20er Jahre schon Realität. Trotzdem erwartet die Gesellschaft nach wie vor das alte Ideal aus dem Kaiserreich. Dann ist da noch die Frage wie Vickie mit ihrer zerrütteten Ehe umgeht. Gerade hier zeigt sich exemplarisch, das sie tatsächlich kaum eine Wahl hat. Da sie kein eigenes Vermögen besitzt, ist sie darauf angewiesen, das ihr Ehemann sie unterstützt, selbst wenn beide wissen, das ihre Ehe nur noch auf dem Papier besteht. Im Roman wird das sehr fortschrittlich gelöst - aber ich kann mir natürlich auch so denken, das es oftmals ganz anders war. Es hat schon Gründe weshalb die Scheidungsrate damals niedriger war. Oftmals eben nicht, weil ein Paar wirklich noch zusammen bleiben wollte... Die weitere Entwicklung hätte ich mir aber tatsächlich ein klein wenig mutiger gewünscht und ich gebe zu, es hat mich auch etwas gestört, das eben einfach doch am Ende kaum Frauenfiguren eine tragende Rolle haben. Dabei hat Vicki interessante Freundinnen und auch die Kundschaft ihres Buchladens hätte ruhig mehr Raum einnehmen können. Genau deshalb hatte mich der Roman ja interessiert. Ich hätte auch keine Liebesgeschichte mehr gebraucht aber gut, insgesamt ist der Roman eher eines dieser Sirupbücher geworden, die Vicki in ihrem Laden verkauft - ein Buch das gute Laune verbreitet und unterhält. Das ist jetzt auch nicht das Schlechteste - aber eben nicht ganz das, was ich erwartet hatte zu lesen. Insgesamt habe ich mich aber gut unterhalten gefühlt und die Seiten flogen nur so dahin. Objektiv betrachtet kann ich aber insgesamt nur eine durchschnittliche Bewertung geben. Gerade wegen dem, was mich gestört hat. Meine Recherche hat ergeben, das die Autorin rund um andre Figuren des Romans weitere Bücher geschrieben hat, so gibt es mit Paul Genzer, Vickies Schwager und Kommissar bereits zwei Krimis die ich mir auf jeden Fall mal genauer ansehen werde. Ich kann mir jedenfalls trotz meiner Kritikpunkte gut vorstellen mehr von Joan Weng zu lesen.

Die Frauen vom Savignyplatz
Die Frauen vom Savignyplatzby Joan WengAufbau TB
23. Sept.
Rating:5

Die Frauen vom Savignyplatz ist der vierte Roman von Joan Weng und spielt wieder im bereits aus den Vorgängern bekannten Umfeld. Diesmal begleiten wir Auguste Genzer auf ihrem Lebensweg. Auguste, die sich selbst Vicky nennt hat eigentlich ein vorgeplantes Leben an der Seite des Strumpffabrikanten Ebert vor sich, als sie Willi Genzer kennen und lieben lernt. Nachdem sie rasch von ihm schwanger wird, heiratet sie ihn und bekommt schnell noch weitere Kinder. Ihren Eltern gefällt das alles nicht und doch bemüht sich Vicky alles irgendwie am Laufen zu halten. Doch eines Tages verlässt Willi sie und sie muss ihr Leben neu organisieren. An ihrer Seite ihr Bruder Bambi und ihre Freundin Lisbeth. So wagt sie den Schritt in die Selbstständigkeit und eröffnet einen Buchladen. Joan Weng gelingt es hier ein Sirupbuch zu schreiben, um es mit Vickys Worten zu beschreiben. Ein Buch, das glücklich beim Lesen macht und für einige Stunden die Flucht aus dem eigenen Alltag ermöglicht. Wer ihre anderen Romane kennt wird alte Bekannte wieder treffen, die hier am Rande wieder eine Rolle spielen. Mir hat das Buch ausgesprochen viel Spaß gemacht. Die Figuren sind vielschichtig, jeder hat so seine Macken und Angewohnheiten. Einfach so wie du und ich. Die politische Lage ist durchaus Thema und zeigt wie sich der alltägliche Nationalismus immer mehr einschleicht und das Leben der einfachen Leute bestimmt. Und wie wichtig es ist immer wieder dagegen aufzustehen und sich nicht unterkriegen zu lassen. Von mir gibt es eine unbedingte Leseempfehlung für dieses wirklich wunderbar geschriebene Buch!

Die Frauen vom Savignyplatz
Die Frauen vom Savignyplatzby Joan WengAufbau TB