
Wer wagt es, sich dem Narrativ entgegenzustellen?
Paul Tanasin zweifelt an seinem Verstand: Immer wieder erlebt er seltsame Visionen einer fremden Welt und der Geist seiner Schwester sucht ihn heim – dabei hat er gar keine Schwester. Während Paul beginnt zu glauben, dass er eine Gefahr für seine Mitmenschen darstellt, geschieht jedoch das Unmögliche: Seine Visionen werden wahr und er findet sich in der rätselhaften Welt Mirandus wieder, die dem vorherbestimmten Narrativ folgt: Jedes Zeitalter bringt einen Dunklen und einen Auserwählten des Lichts hervor, jede Generation ein Stein in der Mauer eines ewigen Kreislaufs. Und Paul soll der nächste Dunkle sein… Wer schon einmal über die absurde Vorhersehbarkeit von klassischen Gut-gegen-Böse-Geschichten, im speziellen etwa Zyklen wie die The Legend of Zelda-Reihe nachgedacht hat, der wird Freude an Brandon Sandersons ungewöhnlicher Graphic Novel-Erzählung „Der Dunkle“ haben. An der Seite des mental angegriffenen und mindestens leicht verwirrten Paul Tanasin erkunden wir eine Welt, die immer und immer wieder ihrem vorherbestimmten Lauf folgt und sich dessen absolut bewusst ist. Somit ist dieses Buch nicht nur eine ungewöhnliche Herangehensweise an eine klassische Fantasyhandlung, sondern auch ein direkter Aufruf der Autoren und Zeichner an den Leser, über die Erzählung nachzudenken. Im Grunde liegt die Spannung nämlich nicht darin, dass der vorherbestimmte Kreislauf erfüllt wird, sondern darin, dass einige ungezogene Individuen es wagen, aus dem Trott auszubrechen, zu beginnen, den Sinn des ganzen zu hinterfragen. Es muss aber auch gesagt werden, dass dieser Band nicht besonders viele Antworten liefert. Sanderson-typisch strotzt die Geschichte nur so vor Kreativität, kann aber auch mehr Fragen zurücklassen, als sie beantwortet und ist somit vermutlich eher als Auftakt und Einstieg in eine längere Reihe erdacht gewesen. Leider hat man seit dem Erscheinen von „Der Dunkle“ im Jahre 2021 nicht wieder von der Geschichte gehört und die Übersetzung wurde mittlerweile aus dem Verlagsprogramm genommen. Es ist also unwahrscheinlich, dass uns diese Geschichte in diesem Format zu Ende erzählt wird – sehr schade. Dennoch verbirgt sich auf den Seiten dieses Graphic Novels das Potenzial für eine spannende und verdrehte Geschichte über Gut und Böse, wunderschön gezeichnet, wenn auch mit relativ viel Text, aber das war bei Sanderson auch nicht anders zu erwarten.

