Lest dieses Buch!
„Nicht Zerstörung war dein Ziel, nicht töten wolltest du, dürstetest nicht nach Gewalt, Koń, du wolltest etwas aufbauen gegen die Zerstörung, wolltest das Leben vor dem Tod schützen, auch wenn dieser Impuls dir selbst reichlich naiv vorkam.“ (Seite 213) Das Buch ist wahrlich nichts für empfindsame Seelen, drastische Sprache und Schilderung von Gewalt, Vergewaltigung, Folter und Tod. Dazwischen Ausflüge des Erzählers in die klassische Philosophie und in die Vorgeschichte der Protagonisten. Der Autor war immer wieder nahe der Front, aus diesem Grund hat er Roman durchaus Züge eines Berichts. Für mich ein unglaubliches gutes Buch, das ich über nur seelisch stabilen Menschen ans Herz legen möchte.
Ein Roman aus dem Krieg oder doch ein Bericht?
Als Roman geschrieben bedient sich dieses Buch laut, Aussage des Autors, lediglich an fiktiven Elementen, um den Krieg so realitätsnah zu beschreiben wie möglich. Ich muss gestehen es hat für mich ungefähr 170 Seiten gebraucht bis ich richtig drin war. Der Schreibstil und die Erzählweise finde ich etwas eigenartig. Das Buch beschreibt aber sehr eindrucksvoll das Leben als ukrainischer Soldat und die Gefühlslage der, die in vielen verschiedenen Rollen dienen.
Nichts für Zartbesaitete
Die Geschichte ist fiktiv, der dargestellte tägliche Schrecken im Abnutzungskrieg an der ukrainischen Front aber real. Der Autor und polnische Journalist war selbst bereits mehrmals an der Front, sodass er hier glaubwürdig seine Erlebnisse in eine Geschichte einbettet. Insbesondere die ständige Gefahr durch FPV-Drohnen lässt die Soldaten verzweifeln. Allerlei Zweifel und philosophische Fragen plagen auch den Protagonisten der Geschichte. Die derbe Sprache der Dialoge sollte niemanden vom Lesen abhalten. Es ist einfach ehrlich wiedergegeben.

Dieses Buch ist wie ein Blick hinter die Kulissen der Nachrichten und Insta-Storys über den Krieg. Nicht zum Genießen. Wirklich keine Verklärung der Motive oder der handelnden Figuren. Aber deshalb literarisch wirklich empfehlenswert.
Hart und hellsichtig - das sind die beiden Adjektive, die mir als erstes einfallen zu Szczepan Twardochs „Nulllinie“, seinem letzten Roman über den Krieg in der Ukraine. Wie der Titel andeutet, sind wir nah dran - nah an der Front, der Nulllinie, nah am Tod, der Nulllinie des Herzens. Die Geschichte von Koń, dem polnischen Freiwilligen, den es bis ans „falsche Ufer eures Vaters Dnipro“ verschlagen hat, hören wir aus seinem Kopf. Und schweifen mit ihm zurück an einige Schnittstellen, die ihn dorthin geführt haben, erfahren von Kameraden, von „Aussitzern“, von ambitionierten Freiwilligen, von einer Geliebten, von der Familie - und vor allem von den vielen verschiedenen Charakteren, die rings um ihn in verschiedener Weise am Krieg teilnehmen. Zwischendurch blitzen Reflexionen aus dem alten Leben auf. Gedanken über Moral und Zukunft flicht Twardoch fein hinein in die derbe Sprache der Soldaten und die dunkle Welt der Schützengräben, beispielsweise beim Blick durch das Wärmebildokular: „Beide verfolgt ihr die weißen Silhouetten, wie sie da waten, wie sie gehen, und keiner von euch sieht sie als Menschen.“ Die Logik des Krieges tritt scharf hervor in diesem Roman. Besonders beeindruckt haben mich: Die Darstellung des wachsenden Nihilismus und des Abstumpfens der Soldaten in der Nähe des Todes. Dieses Buch ist wie ein Blick hinter die Kulissen der Nachrichten und Insta-Storys über den Krieg. Nicht zum Genießen. Wirklich keine Verklärung der Motive oder der handelnden Figuren. Aber deshalb literarisch wirklich empfehlenswert.
Vorab muss ich sagen, dass ich es grotesk fände, würde ich mich als deutscher Leser, dem es nie an etwas gefehlt hat, zum Rezensenten dieses herausragenden Buches aufschwingen. Es geht um den brutalen Vernichtungskrieg der Russen in der Ukraine und den Schmerz, den Putins Schergen jedem einzelnen Menschen dieses geschundenen Landes antun. Es geht um die pure Verzweiflung einer ganzen inzwischen herangewachsenen Kriegsgeneration, kaputte Lebensentwürfe, zerstörte Hoffnungen, Erfahrungen an der Front, Sterben, Folter, Vergewaltigung in Kriegsgefangenschaft. Nach eigener Aussage hat Twardoch bewusst die Fiktion eines Romans gewählt hat, um der Wahrheit so nah wie möglich zu kommen. Twardoch erzählt in verschiedenen Ebenen, auf der einen Seite die Gegenwart eines Tages an der Front, auf der anderen Seite durch Rückblenden die unterschiedlichen Lebenswege der Protagonisten. Das Buch steckt auch voll von philosophischen Gedanken, die einen tiefen Einblick in die Seelen der Ukrainer geben, wie z.B. auf Seite 219: "Warum hast du gesagt, wir leben nicht mehr?", fragst du Jagoda erneut. "So muss man denken", antwortet Jagoda. "Damit man vor Angst nicht durchdreht. Wenn du glaubst, Du bist schon tot, hast du zwar weiter Angst, klar, Angst muss man haben, wer keine Angst hat, der ist verrückt, der zieht sich und den Kameraden Probleme auf den Hals. Am schlimmsten sind die, die keine Angst haben, Idioten. Aber wenn du glaubst, du könntest leben, wenn du glaubst, es gibt etwas nach dem Krieg, irgendeine Art von Leben, du könntest in irgendein Haus zurück, irgendeine Arbeit aufnehmen, dir eine Alte suchen, zum Urlaub nach Sizilien oder, na chuj, sonst wohin fliegen, dort nachts in weißer Bettwäsche vögeln und Weißwein trinken, oder ein Studium beenden, Anwalt werden oder Programmierer, oder sonst was zum Arsch, Bücher schreiben oder in Filmen spielen, Cowboy werden in Arizona - dann kriegt die Angst dich zu packen; wenn du an ein Leben nach dem Krieg glaubst, willst du unbedingt bis dahin leben, du wirst schließlich die Maschinenpistole auf Dauer- feuer stellen und sie dir unters Kinn setzen, denn wenn jemand das Kriegsende erleben will, dann wird der Krieg unerträglich, und besser nicht zu leben, als auf ein Leben nach dem Krieg zu warten." Bemerkenswert ist auch die Erzählweise in der zweiten Person und die unverfälschte Sprache der Front. Fazit: Szczepan Twardochs Roman ist große Kunst. Aber auch bittere Realität, jetzt gerade in dem Moment, wenn ihr das lest. Unbedingte Leseempfehlung!
Dieser sehr authentische Roman ist ein Roman über den wirklichen Krieg, nur die Personen sind fiktiv, so schreibt es der Autor und so habe ich es beim Lesen auch empfunden. Dass der Autor selbst immer wieder freiwillig an der Front war(er stellt im Buch den Kon da), merkt man an jeder Zeile, die er schreibt. Er reflektiert über seine Erfahrungen und grausamen Erlebnisse mit seinen Gefährten, über das Töten, Freiheit, Mut aber auch über sein frühres Leben welches es jetzt nicht mehr für ihn gibt... Die Sprache ist in 2. Person verfasst und zunächst etwas ungewöhnlich. Ich könnte vieles, was mich bewegt hat zitieren aber das würde den Rahmen sprengen deswegen führe ich nur eines an: Ein Zitat von der Freundin von Kon führe ich hier an um nur eine der Grausamkeiten dieses Krieges darzustellen: durch einen wie es in diesem Buch genannt, Päderussen bzw. Russländer wurde Zuja vergewaltigt, sie sagt: " Viele Leute im Westen denken so. Dass die gewöhnlichen Russländer normale Menschen wären, so wie in dem Lied von Sting, Russin love the Children too. Vielleicht stimmt das sogar. Aber es war nicht Putin, der die Russländer versklavt, Kon. Das haben die Russen selbst getan, sie haben Putin und das ganze System hervorgebracht. Die Folterkammern der Separis in Donezk, das war nicht Putin und dieser Typ, der mir nicht sagen wollte, was er von mir hören wollte, und der die MG an den Kopf meiner Mutter hielt, das war nicht Putin, und nicht Putin hat mir die ganze Hand reingesteckt. Putin geht aus ihnen hervor, aus ihrer Substanz, Putin ist der Spiegel, in dem sie sich betrachten. Putin ist sie, und sie sind Putin." ... Für diesen Roman, den ich sehr empfehle sollte man sich Zeit lassen, er wühlt auf und macht nachdenklich.






