Wunderbar leicht erzählte Geschichte einer ersten Liebe . Sehr lesenswert
Ein besondere Entdeckung
Eine Zufallsentdeckung auf der Messe. Ich habe mir das Buch nach der Messe gekauft. Ein reiner Coverkauf. Der knappe Inhalt auf der Rückseite, hatte mich ehrlich gesagt nicht angesprochen. Ich habe aber keine einzige Seite bereut. Markus Berges hat eine Band namens Erdmöbel. Kannte ich bis dato auch nicht. Einige Lieder sind jetzt auch Teil meiner Playlist. Während die Songtexte teilweise sehr deep sind, lernen wir eine andere Sprache und einen anderen Autor kennen. In einem Interview teilt der Autor mit, dass es sich um eine Autobiographie handelt. Genau dieser Bezug und die Beschreibungen über Freiheit, Sehnsüchte und Schmetterlinge im Bauch, machen dieses Buch aus. Wir lernen einen vorerst namenlosen und kräftig gebauten 19Jährigen kennen, der sein FSJ in einer Psychiatrie macht, auf der geschlossenen Station. Wir sind im Jahr 1986, Tschernobyl ist aktuell und die Angst hat die Gesellschaft verändert. Der namenlose, später Kuli genannte, junge Mann lernt die stürmische Anne kennen. Aber nicht auf konventionelle Art, in einer Kneipe oder durch Freunde. Nein. Anne ist schizophren und eine Patientin. Als Sie ausbricht und Kuli mit Ihr durch die Wälder und Kneipen streift, erleben wir eine unbeschwerte aufregende erste Liebe. Man kann diesen Moment vor dem ersten Kuss erahnen, das unsichere erste befühlen und selbst diese regennasse, klammen Zeltsituation ist so detailliert und gut beschrieben, dass man das Bedürfnis hat, sich im Kreis drehend in den Regen stellen zu wollen. Die Szenen des Klinikalltags bieten nicht nur bedrückenden Einblick, sondern sorgen auch für viele Lacher. Kuli entwickelt sich von einem unsicheren Typen zu einem doch etwas Erwachsenen, in dem er uns an seiner ersten Liebe teilhaben lässt und das ganz ohne dabei kitschig zu sein.
Zwischen Pubertät und Erwachsenendasein
Wenn einem ein guter Freund, mit dem man schon in Jugendjahren literarische Erlebnisse geteilt hat ein Buch empfiehlt, dann liest man es ohne Wenn und Aber. Wie schön, dass dieses Buch genau in der Zeit spielt, in der wir im Religionsunterricht ein Pult geteilt haben. Allein der Protagonist ist ein wenig älter, als wir damals waren. 19 ist der nicht näher benannte, stark übergewichtige junge Mann, und in einer Umbruchszeit seines Lebens angekommen. Nach dem Abitur sind alle Klassenkameraden versprengt, und er entscheidet sich ein FSJ in der „Hülle“ zu absolvieren, der ansässigen psychiatrischen Klinik. Dort lernt er eine Patientin kennen, die eine unheilige Faszination auf ihn ausübt. Die schwer erkrankte junge Frau, ist ein Magnet mit zwei Polen: Sie zieht ihn an und stößt ihn wieder weg. Doch unser Protagonist ist sehr verliebt und macht vieles, was auf den ersten Blick sehr dumm erscheint. Aber Hormone und Schmetterlinge im Bauch lassen Menschen nicht besonders klug handeln. Berges lässt uns ins Jahr 86 herein blicken, das Jahr der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, dass Leute meines Alters nur zu gut nachfühlen können. Man ist noch Kind und schon erwachsen. Die Eltern mutieren zu lächerlichen Hinterwäldlern und man strebt nach Neuem, Anderem, irgendwas, mit dem man sich abgrenzt von der piefigen Familie. Dabei versucht man Fuß zu fassen, im Reich der Erwachsenen und trotzdem cool zu bleiben. Der Alltag der Klinik ist für die damaligen Verhältnisse realistisch dargestellt und überhaupt, die 80er sind so atmosphärisch getroffen, dass man sich zurückgebeamt fühlt. Der schwer verliebte AntiHeld der Geschichte wandelt sich vom nicht ganz so hässlichen Entlein zum nicht ganz so hübschen Schwan, macht aber in dem einen Jahr eine außerordentliche Entwicklung durch. Und das ist sehr realistisch, denn viele Menschen haben sich in einem sozialen Jahr vom pubertierenden Schüler zum Erwachsenen gewandelt Die Hilflosigkeit, mit der er seiner Verliebtheit begegnet, hat, sich sehr intensiv angefühlt und ist jederzeit nachvollziehbar auch wenn man heute manchmal nur mit dem Kopf schütteln möchte. Mit 19 war man aber so blöd! Die Abnabelung von den Eltern fühlt sich ebenfalls sehr realistisch an. Ein gelungener Coming of Age Roman, voller Kindheit und Jugend, Musik und Orientierungslosigkeit, gespickt mit ein bisschen Levis Werbung, Desinfektionsmittel und dem Geschmack von süßem Wein und verrückter Liebe.


