Dieses Buch ist kein Spaziergang, sondern eine Bergbesteigung.
„Die meisten Menschen sind im Grundverhältnis zu sich selbst Erzähler. […] sie lieben das ordentliche Nacheinander von Tatsachen, […] und fühlen sich durch den Eindruck, dass ihr Leben einen Lauf habe, irgendwie im Chaos geborgen.“ (S. 650) „Was kann ich also für meine Seele tun, die wie ein unaufgelöstes Rätsel in mir wohnt?“ (S. 857) Diese Welt und unser Dasein in ihr, sind ein unaufgelöstes Rätsel, ein wildes Chaos, ein unendliches Fließen, was wir kaum wirklich verstanden haben. Und die kläglichen Versuche Ordnung zu schaffen und die Dinge in den Griff zu kriegen, entlarvt Musil als absurd. Er zeigt uns die völlig verknöcherte Gesellschaft im Österreichischen Kaiserreich kurz vor dem ersten Weltkrieg. Und das auf eine ironische, satirische, wirklich urkomische Weise. Ich habe mehrfach laut gelacht! Aber ja, dieser Roman ist kein cozy read, es ist eher als meißelt man sich durch einen Fels … und entdeckt auf dem Weg immer wieder die schillerndsten Kristalle und Diamanten von Gedanken, Reflexionen oder sprachlichen Bildern. Die Handlung steht nicht im Vordergrund, es ist eher ein philosophischer Ideenroman. Unfassbar dicht und geistreich, ein ordentlicher Knochen für den Intellekt, sehr klug, sehr fein beobachtet. Aber natürlich sprachlich manchmal etwas wuchernd und mit Dialogen, die eher theoretischen Essays oder Vorlesungen gleichen, als lebendigen Gesprächen. Es ist ein Fest für den neugierigen Intellekt, ich habe mir sehr viele tolle Zitate rausgeschrieben, emotional hat es mich jedoch kaum berührt. Und es war auch manchmal mühsam. Aber ich habe es trotzdem genossen und es lässt mich beeindruckt zurück.



