24. Jan.
Rating:4

Und er klappte das Buch zu und war zufrieden.

Eigentlich wollte ich ja nur endlich mal "Krieg der Welten" lesen. Dann fand ich bei der Suche diesen Sammelband und dachte "Warum nicht?". Ein Pionier der Science-Fiction, meinem Lieblingsgenre, der viele Ideen und Konzepte zum ersten Mal überhaupt beschrieben hat und als Visionär gilt? Count me in! 700 Seiten später kann ich bestätigen: Es ist unglaublich, dass der Großteil dieser Geschichten in Jahren entstand, die noch eine 18 vorn stehen hatten. Gleichzeitig stieß mir auf, dass nahezu alle im Stile eines wissenschaftlich-nüchternen Berichts verfasst sind. Wells findet zwar oft tolle Worte um Dinge zu beschreiben, aber es finden quasi nie Emotionen statt. Das fand ich am Anfang noch reizvoll, hatte es später aber wirklich über. Kurz gesagt: Es ist schön zu Lesen, aber kein Lesevergnügen. Nun kurz zu den einzelnen Romanen: 'Die Zeitmaschine' (8/10): Es beginnt direkt mit der futuristischsten Erzählung. Sie ist kreativ, unvorhersehbar und der Aufhänger eines Menschen in einer fremden Zeit ist immer spannend. Verliert sich leider in der zweiten Hälfte in einen langen, unspannenden Teil voller Gefasel. Ein wiederkehrendes Problem, wie wir noch merken. Trotzdem sehr lesenswert und ein guter Auftakt. 'Die Insel des Doktor Moreau' (9/10): Die Prämisse ist unheimlich und die Erzählung eindringlicher und spannender als die anderen. Die Thematik und Frage, wie sehr der Mensch Gott spielen darf und kann, hat mich auch danach noch beschäftigt. Meine Lieblingsstory. 'Der Krieg der Welten' (7/10): Auch hier wird es schön kreativ und viel etabliert, was später zum Science-Fiction-Standard wurde. Und Aliens liebe ich sowieso. Aber meine Güte, man könnte das Ding um die Hälfte kürzen und es wär immer noch zu lang. Ab der Mitte wird es bis zum Finale eine endlos anstrengende, ereignislose Abfolge von schwafelnden und größtenteils spannungsbefreiten Szenen. Unter'm Strich immer noch lesenswert, aber aus heutiger Sicht anstrengend. 'Befreite Welt' (5/10): Holla die Marsfee, war das ein Brocken. Die letzte Story ist ein ganz anderer Schnack: eine epische Erzählung vom Fall und erneuten Aufstieg der Menschheit. Viel anstrengender, viel launenhafter als alles davor. Ich kam bis zuletzt nicht so recht in den Groove und war froh, als ich durch war. Aber, und das muss man betonen: Was Wells hier an gesellschafts- und kapitalismuskritischen sowie zwischenmenschlich-progressiven Punkten und Ideen verarbeitet, ist für 1914 schlicht atemberaubend. Viele Sätze hier drin sind gefühlt in unserer heutigen Welt aktueller als zum Zeitpunkt der Niederschrift. Vom immerwährenden Säbelrasseln der Nationen bis zur Gleichberechtigung wird hier alles so weitsichtig und schlau eingeordnet, dass ich kurz innehalten und nachdenken musste. Und seine Utopie einer befreiten und einheitlichen Menschheit in den späteren Kapiteln entlockt einem ein verträumtes Seufzen - wie schön könnte es sein, doch wie sehr marschieren wir leider in die Richtung der vorderen Kapitel.

H. G. Wells, Gesammelte Werke
H. G. Wells, Gesammelte Werkeby H. G. WellsAnaconda Verlag